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Sei tätig, so gut du kannst, ohne jemanden zu schädigen

März 25, 2019

Zu: Kirche und Welt 4.2019, S.22-23: Möglichst viel verdienen – und dann spenden

Die Antworten, die Dominic Roser auf seine selbst gestellten Fragen gibt, sind aus meiner Sicht nicht «unbequem», wie in dem Artikel behauptet wird. Sie rechtfertigen im Gegenteil die extrem hohen Einkommen von uns Schweizern im Vergleich zu anderen. Das Problem dieser Haltung besteht darin, dass es aus ethischer Perspektive gerade nicht «zweitrangig ist, wie und wo das Geld arbeitet und wie es Rendite erwirtschaftet». Vor allem darf man für dieses Prinzip des «effektiven Altruismus» nicht John Wesley bemühen.

Ich zitiere dazu aus einem Referat des methodistischen Wirtschaftsethikers Dr. Lothar Elsner:

«Die Regel, erwirb so viel du kannst, gilt … nicht ohne Einschränkung. Nicht jeder Erwerb und Gewinn kann als ethisch gut beurteilt werden. Schon Wesley nannte selbst einige wichtige Grenzen:

  • Der Gelderwerb darf nicht auf Kosten des eigenen Lebens geschehen. Arbeitsschutz, Gesundheit, Rechtmässigkeit haben Vorrang vor grösserem Gelderwerb.
  • Wir dürfen unsere Nächsten nicht schädigen. Das beginnt bei zu hohen Zinsforderungen, die unsere Nächsten an ihrem Vermögen schädigen. Die Zinsforderungen an hoch verschuldete Menschen und überschuldete Drittweltländer sind zwar vielleicht legal aber oft ethisch illegitim, weil sie das Leben erdrosseln.
  • Wir dürfen auch unsere Ware „nicht unter dem Marktpreis verkaufen, wenn wir damit das Gewerbe unserer Nächsten zugrunde richten.“ So ist es aber Praxis der EU, die immer noch Agrarüberschüsse unter dem Marktpreis auf den Weltmarkt wirft und damit afrikanische Bauern ruiniert.
  • Den Nächsten nicht schädigen, bedeutet auch den Verzicht auf jeden Erwerb und Gewinn, der das Leben oder die Gesundheit anderer Menschen gefährdet, z.B. die Produktion und der Export von Waffen und Drogen.

Eine Begrenzung der Erwerbstätigkeit muss heute ergänzt werden. Kein Erwerb auf Kosten der Erwerbsmöglichkeit der anderen. Die Erwerbsarbeitsplätze sind knapp. Besonders Frauen werden vom Arbeitsmarkt verdrängt. Deshalb liegt die Grenze der eigenen Erwerbstätigkeit in der gerechten Verteilung der Erwerbsarbeit und der Nichterwerbsarbeit. Die Erziehungs- und Haushaltstätigkeit wird ja bis heute oft vergessen, wenn von Arbeit die Rede ist. Besonders Männern scheint das keine wertvolle Arbeit für sie zu sein.

Die erste Regel muss deshalb heute heissen: Sei tätig, so gut du kannst, ohne jemand zu schädigen. Erfülle deinen Anteil an der Nichterwerbsarbeit. Für deine Erwerbstätigkeit fordere den gerechten Lohn.»

Als Mitglied des Connexio-Vorstands möchte ich ergänzen: Wir sind sehr um Effektivität und hohe Wirksamkeit bemüht, wenn wir Spendengelder weitergeben. Wenn aber diese Spendengelder z.B. damit verdient wurden, dass Schweizer Konzerne in denselben Ländern, in denen wir Projekte unterstützen, die Umwelt zerstören oder Waffen dorthin verkaufen, dann wurde durch sie um ein Vielfaches mehr zerstört als geholfen. Verantwortungsbewusstsein darf sich nicht nur auf die Gaben, sondern muss sich auch auf den Erwerb beziehen. Genau deshalb ist es alles andere als zweitrangig, «wie und wo das Geld arbeitet». Schliesslich muss noch auf die Verlogenheit dieser Formulierung hingewiesen werden: Es sind immer noch Menschen, die arbeiten – das Geld selbst hat weder Hände noch Verstand. Ich hoffe, dass dies auch bei der Zahlstelle der EMK bekannt ist.

Stefan Weller, Basel

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