Bezirk
de

Gleichgeschlechtliche Liebe ist keine «Baustelle»

März 19, 2019

Zu: «Gesellschaftlicher Trend – aber nicht biblisch» (KuW 3/2019)

Lieber Herr Eschler

Sind Linkshänderinnen und Linkshänder sündige Menschen? Sie machen – je nach Schätzung – 10 bis 15 % der Bevölkerung aus. In der Bibel werden sie – Irrtum vorbehalten – seltene zweimal im Zusammenhang mit Krieg und Königsmord erwähnt. Gesegnet werden sie nicht. Seit Menschengedenken galt die linke Hand als schmutzig, unehrenhaft, wurde gar mit Teufel und Sünde in Verbindung gebracht. Erst seit etwa den 60-er-Jahren des letzten Jahrhunderts wird darauf verzichtet, Linkshändige mit pädagogischer Begründung gewaltsam umzugewöhnen. Heute gelten wir als gleichwertig, gleichberechtigt, unauffällig. Das genügt uns, wir müssen nicht von allen auch noch geliebt werden. Die Frage, die mich völlig unberührt lässt, bleibt offen: wieso lassen Gott oder das Leben Linkshändigkeit zu? Haben Sie Antworten?

Vielleicht merken Sie, ich habe Ihren Beitrag in der letzten Ausgabe von K+W gelesen. Ihr Einstieg irritiert. Sie beginnen gleich mit der Sünde, rufen dazu auf, Jesus ähnlich zu werden, andere Meinungen zu respektieren und berufen sich auf Gottes Offenbarung in seinem Wort. Und dann kommt die Breitseite gegen die „Ehe für alle“ – gesellschaftlicher Trend, aber im göttlichen Design (!) und Schöpfungsplan nicht vorgesehen.

Gott schuf den Menschen als sein Abbild, als Frau und Mann, und er segnete sie – gleichwertig, gleichberechtigt als je eigenständige Menschen. Ein schönes Bild für den Beginn menschlichen Lebens. Dann folgt der Auftrag: Mehret euch (heute mit 7.5 Milliarden ErdenbewohnerInnen wohl nicht mehr vordringlich), nutzet und bewahret die Schöpfung (da hätten wir viel zum Ge- und Missbrauch zu besprechen).

Von Ehe (einander beistehen, begleiten, (er)tragen, für einander einstehen) steht hier noch nichts. Das folgt dann ab dem 3. Kapitel. Da wird der Frau beschieden, dass der Mann ihr Herr sei. Polygamie wird möglich. Später finden sich Regelungen, die es dem Mann einfach machen, sich einer Frau zu entledigen. Was sagen Sie zu einem solchen Eheverständnis, zu solchen biblischen Vorgaben?

Dieses Verfügen über die Frau hat sich – mit Modifikationen und Milderungen – in der Schweiz bis 1988 gehalten. Ist das seither (gegen massiven Widerstand von rechts durchgesetzte) gültige neue Eherecht in Ihren Augen auch ein nicht biblischer, gesellschaftlicher Trend?

Wie die Linkshändigkeit so ist auch die nicht heterosexuelle Liebe für etwa 10 % der Menschen Lebensrealität. Dass Linkshändigkeit weder Krankheit noch Sünde ist, wurde im letzten Jahrhundert allmählich akzeptiert. Bei der gleichgeschlechtlichen Liebe sind wir leider noch lange nicht so weit. Feststellungen wie, dass sie ‚ein Symptom einer zutiefst zerrissenen Welt, ein Zeichen für unser aller Sünde‘ sei, halte ich nicht nur für höchst unprofessionell (Michael Herbst ist Theologe), sondern zu tiefst verletzend. Nicht die Minderheiten sind Zeichen für die Zerrissenheit der Welt, Zeichen für die Zerrissenheit sind, dass Fromme und weniger Fromme, Mächtige und Ohnmächtige Angehörige von Minderheiten regelmässig zur Zielscheibe ihrer versteckten oder offenen Aggressionen machen.

Ihr abschliessender Wunsch, dass alle trotz ihrer „Baustellen“ Annahme erfahren, ist verführerisch. Wer hat schon keine „Baustellen“? Gleichgeschlechtliche Liebe ist keine „Baustelle“ in Ihrem Sinn, keine menschliche Unzulänglichkeit, keine Alltagssünde, sondern reale Liebe. Auch für sie gilt: er segnet sie – ich hoffe, dass die Kirche(n) da nachziehen.

Der EMK war es immer wieder geschenkt, in sozialen Fragen lebensdienliche Positionen zu beziehen und zu vertreten und konkrete Hilfe zu leisten. Ich hoffe und bleibe zuversichtlich, dass es auch hier gelingen wird.

Markus Brandenberger, Uetikon am See