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Donnerstag 21. Februar 2019 06:30Alter: 26 days
/ Kategorie: Aus den Gemeinden

Methodisten in Oey: Eine Kirchgemeinde, die keine «Angebote» mehr hat

Seit bald vier Jahren entwickeln und erproben die Methodist/innen in Oey neue Formen des Miteinanders. Gemeinsam suchen und schaffen sie Gefässe, in denen sie zusammen unterwegs sind – und mit Menschen ausserhalb ihrer Gemeinschaft. Daniel Keller gibt im Gespräch Einblicke in die Prozesse.

Leitungsteam der Methodistenkirche in Oey: Andreas Steiner, Käthi Hiltbrand, Christine Steiner, Vroni Pfister, Daniel Keller (v.l.)

Was ist aus deiner Sicht das Besondere der methodistischen Gemeinde in Oey?
Was unsere Gemeinde besonders macht, ist die stark familiäre Prägung. Mit nur rund 20 Mitgliedern, darunter einige ältere Geschwister wie auch sechs Kinder, leben und pflegen wir «Gemeindefamilie».
Der Bezirk Spiez-Oey hatte eine ganz besondere Ausgangslage: Finanziell hatten wir das Messer am Hals. Als ich im Herbst 2012 als Kassier die Rechnung des Bezirks übernahm, bestanden Verpflichtungen von rund 100'000.- CHF für das laufende Jahr – und auf dem Bankkonto lagen ganze 20'000.- CHF. Das damalige Leitungsteam hat sehr gut reagiert und sich dieser Situation gestellt.
Als ersten Schritt haben wir miteinander in einer Retraite die Ausrichtung des Bezirks und seiner Gemeinden festgelegt. Relativ schnell wurde klar, dass wir die Gemeinde Spiez in absehbarer Zeit werden schliessen müssen. Das bereitete uns wenig Bauchweh, denn die älteren Leute in Spiez gingen bereits auch im EGW ein und aus und fühlten sich dort wohl. Mit der Schliessung der Gemeinde Spiez gaben wir auch die Matthäuskirche in einen Umzonungsprozess, um sie verkaufen zu können. So konnten wir uns auf die Arbeit in Oey konzentrieren.
In Oey war uns klar: Es gibt 20 bis 25 Mitglieder – wenn die Gemeinde nicht wächst, dann ist Oey nicht überlebensfähig. So suchten und suchen wir, unterstützt durch Projektgelder, Möglichkeiten und Wege, wie wir unser Leben als Christ/innen leben und mit den Leuten teilen können, zu denen uns Gott hingestellt hat. Nachbar/innen, Arbeitskolleg/innen, etc.

Was hat dieser Prozess in Oey in Bewegung gebracht?
Als erstes mussten wir beantragen, die Stelle unseres Pfarrers, Andreas Steiner, zu reduzieren. Während eines Jahres hat Andreas 40% für den Bezirk Spiez-Oey gearbeitet und zu 60% als Koch im Kurhaus Grimmialp. Das konnte nach einem Jahr optimiert werden, so dass Andreas jetzt zu je 50% für unsere Gemeinde und als Seelsorger im Artos in Interlaken arbeitet.
Die Reduktion war spürbar: Mit den ursprünglichen 40% war es nicht möglich, dass Andreas alle Gottesdienste im Monat gestaltet, sondern nur noch deren zwei. Einer der beiden wurde unser Schwerpunktgottesdienst – das «Läbesfäscht»: Wir sind zusammen. Eine Stunde lang dauert der «Predigtteil», nach einer kleinen Pause folgen dann Anbetung und Abendmahl und im dritten Teil teilen wir unsere Zeit und unser Essen beim gemeinsamen Mittagessen. So sind wir bis 13.30 Uhr zusammen. Das wird von vielen Personen sehr geschätzt – manchen ist das aber auch zu viel. Die Leute können sich darum auch nach jedem Teil ausklinken.
Der zweite Anlass wäre der Aussenanlass gewesen. Ich sage «wäre», denn wir haben das zwei oder dreimal gemacht und dabei gemerkt, dass wir als Gemeinde noch nicht fähig sind, diese Anlässe so durchzuführen. Daher haben wir entschieden, diese Aussenanlässe vorerst auszusetzen.
Anstelle der anderen beide Gottesdienste, die eben nicht mehr stattfinden, ist unsere Aufgabe, «Läbeszellen» zu bilden: Wir wollen diese Zeiten einsetzen, um das Leben, Zeit und Essen zu teilen, mit den Leuten unterwegs zu sein, die wir kennen – Nachbar/innen, Bekannte, Kolleg/innen – mit ihnen etwas zu unternehmen. Dahinter steht die Überzeugung, dass wir dort, wo wir wohnen und leben, von Gott hingestellt sind, in unseren Freundeskreis – und dass wir dort Salz und Licht sind. So leben wir unseren «missionalen Lebensstil».
Was da genau läuft, ist gänzlich den einzelnen überlassen. Manche leben diese «Läbeszellen», aber sehen das nicht in diesem Zusammenhang. Wir haben zum Beispiel eine ältere Frau in unserer Gemeinde, die ist immer für ihre Nachbar/innen da. Sie schaut das aber nicht explizit als eine «Läbeszelle» oder als einen Gottesdienst an – aber sie lebt das.
Wir haben bald festgestellt, dass wir mit den beiden Gottesdiensten im Monat zu wenig zusammen sind. So entstand der «Familieträff» an jedem zweiten Freitag Abend – eine Art offenes Feierabendbier, zu dem wir uns ganz frei treffen, miteinander essen, miteinander spielen, plaudern und lernen. Die Leute am «Familieträff» organisieren sich jeweils selbst für das nächste Mal. An den «Familieträff» kamen auch schon Personen, die nicht zur Kirche gehören. Das ist also im Moment so etwas wie das Tor gegen aussen.

Du sprichst bei all dem nicht von «Angeboten». Weshalb nicht?
Weil wir keine Angebote mehr wollen. Wir sind als Kirche gemeinsam unterwegs. Als Leitungsteam ist es nicht unsere Aufgabe, irgendwelche Angebote auf die Beine zu stellen, die die Leute nachher konsumieren können oder nicht. Wie in einer Familie jede/r einzelne eine eigene Aufgabe und trägt so zum Ganzen bei. Wir gestalten Kirche gemeinsam, sind zusammen unterwegs, arbeiten miteinander.

Wenn der Prozess nun so weiter geht: Wie sieht die methodistische Kirchgemeinde in Oey in 10 Jahren aus?
(lacht) Kannst du mir diese Frage in 10 Jahren nochmals stellen? – Aus meiner Sicht hat die Gemeinde das Potenzial zu wachsen, wenn wir die kleinen Schritte nach aussen wirklich weiter gehen. Am letzten Treffen der Verantwortlichen haben wir eine Bewertung des Jahres 2018 vorgenommen. Ich bin persönlich mit diesem Jahr nicht zufrieden, teile diese Meinung aber nicht mit allen im Leitungsteam. Das neue Modell wurde noch nicht zum Selbstläufer – aber, so scheint mir, der Motor hat nicht mehr dieselbe Power wie auch schon.

Also so etwas wie eine Müdigkeit, die sich einstellt, weil klar wird, dass die Dinge sich nicht so schnell verändern liessen, wie erhofft?
Ja – wobei es ist uns ja klar, dass so eine Veränderung Zeit braucht – sich über Jahre erstreckt. Darum haben wir unseren Projektantrag für fünf Jahre gestellt. Wir sind einfach in einer Phase, in der wir Fragen haben, ob wir das hinbringen. Das Leitungsteam ist so klein wie noch nie. Können wir als Gemeinde überleben? Die Jahresrechnung mit der 50%-Stelle von Andreas zeigt ein stark defizitäres Ergebnis. Die finanziellen Reserven sind irgendwann aufgebraucht. Wie sieht es dann aus?

Könnte es auch sein, dass es in 10 Jahren keine Methodistenkirche in Oey mehr gibt?
Das kann durchaus sein, ja. Das ist eine von zwei Optionen – aber klar nicht die bevorzugte. In dieser Hinsicht sind wir im Leitungsteam sehr ehrlich miteinander unterwegs. Vielleicht will Gott auch ganz andere Wege gehen: Die Leute, die er jetzt in Oey hat, will er vielleicht an einem ganz anderen Ort brauchen. Diese Option bleibt durchaus offen.

 

S.F.

Daniel Keller

Dipl. Wirtschaftsinformatiker, arbeitet bei der SBB, verheiratet, zwei Kinder; im Leitungsteam der EMK Oey verantwortlich für Organisation, Moderation und Weiterentwicklungsthemen, daneben Kassier des Bezirks.


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