Sie befinden sich hier: Startseite / News und Publikationen / News
suche

Vernunft und Geist

"Gott hat uns unseren Verstand als Führer gegeben. Das schliesst aber nie die stille Mitwirkung seines Geistes aus."

John Wesley (1703 - 1791)

Dienstag 13. Juni 2017 11:34Alter: 217 days
/ Kategorie: Europa

Seid Friedensstifter, strebt nach Versöhnung!

Die EMK in Eurasien organisierte ukrainisch-russische Friedensgespräche.

Ukrainische und russische Methodisten auf dem «Hügel der Kreuze» in Litauen

Mehr als drei Jahre sind vergangen, seit im Herzen Osteuropas ein bewaffneter Konflikt aufbrach. Im Februar 2014 wurde die ukrainische Hauptstadt Kiev von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei erschüttert. Mehr als 100 Menschen verloren ihr Leben; viele weitere wurden verletzt. Die Unruhen veranlassten den damaligen Präsidenten Viktor Yanukovich zur Flucht, was zu einer Neuwahl der Regierung führte. Ende Februar marschierten russische Truppen auf der ukrainischen Halbinsel Krim ein und übernahmen schnell die Kontrolle über die Regierungsgebäude. Im März 2014 wurde die Krim-Halbinsel zum russischen Territorium erklärt. Einen Monat später begannen Aufständische im Osten der Ukraine, unterstützt von russischen Militärs, gegen die ukrainischen Behörden in der Gegend von Donetsk und Luhansk vorzugehen.

 

Nach einem Bericht der Vereinten Nationen vom März 2017 wurden seit Beginn des Konflikts in der Ost-Ukraine mehr als 9'900 Menschen umgebracht, und mehr als 23'000 Menschen erlitten Verletzungen. Und wenn dieses Gebiet auch aus den Schlagzeilen der internationalen Medien verschwunden ist – der Konflikt dauert nach wie vor an. Entlang der Linie, welche die ukrainische Armee von separatistischen Milizen trennt, verlieren jeden Monat Dutzende ihr Leben. Ukrainische Bürger, welche die Mittel haben, um aus dem Konfliktgebiet zu fliehen, suchen entweder in anderen Regionen ihrer Heimat oder in Nachbarländern Zuflucht. Die Verletzlichsten aber – Menschen, die alt oder körperlich behindert sind, und Menschen, die in Armut leben – haben keine andere Wahl als in ihren Häusern zu bleiben und darauf zu hoffen, dass sie die anhaltenden Auseinandersetzungen irgendwie überleben.

 

Diese humanitäre Krise wirkt sich nicht nur auf jene aus, die direkt in der Konfliktzone in der Ost-Ukraine leben. Verschiedene Quellen belegen, dass mehr als eine Million Menschen geflohen sind. Egal, ob sie nun in anderen Regionen des Landes oder in benachbarten Gebieten leben: Sie verbrauchen einen Teil der Ressourcen jener, die ihnen Zuflucht gewährt haben. Sowohl die ukrainische als auch die russische Wirtschaft wies in den letzten drei Jahren ein negatives Wachstum auf, und die Währungen beider Länder verloren an Wert. Propaganda und Falschinformationen in staatlich kontrollierten Medien verursachen Verwirrung, Missverständnisse und Misstrauen.

 

Auch die EMK ist betroffen. Eine Gemeinde in der ostukrainischen Stadt Luhansk hörte zu existieren auf, als die Kämpfe über die Stadt rollten und die Mitglieder in andere Gegenden fliehen mussten. EMK-Gemeinden in der Ukraine und in West-Russland organisierten Nothilfe und seelsorgerliche Begleitung für diese vertriebenen Menschen. Gleichzeitig standen Menschen der EMK in beiden Ländern an der Seite jener, die trauerten – über den Verlust so vieler Menschenleben, über die Trennung von Familien, über das wachsende Gefühl der Verzweiflung.

 

Eduard Khegay, Bischof der EMK in Eurasien und damit auch in Russland und der Ukraine, kennt den Schmerz und die Angst vieler Menschen seines Bischofsgebiets. Anlässlich von Gemeindebesuchen in den betroffenen Gebieten sah er mit eigenen Augen, welche Auswirkungen Krieg und Vertreibungen auf Familien und Gemeinden haben. Er weiss um die Frustration der Menschen, weil es den politischen Führern einfach nicht gelingt, eine friedliche Lösung zu finden. Gleichzeitig nimmt er auch wahr, wie stark verbreitet der Wunsch ist, Friedensbrücken zu bauen – zusammen mit Glaubensgeschwistern auf der anderen Seite der Trennlinie.

 

Um Versöhnung und Heilung zu fördern, veranstaltete Bischof Khegay vom 31. Mai bis am 5. Juni 2017 Friedensgespräche für Menschen der EMK in der Ukraine und in Russland. Zehn Vertreterinnen und Vertreter jedes Landes, pastorale und Laienmitglieder, reisten nach Birštonas (Litauen), um eine Zeit der Gemeinschaft, des Nachdenkens, gottesdienstlicher Feiern und des Gebets zu erleben. In seinem Einladungsschreiben formulierte Bischof Khegay seine Hoffnung für dieses Treffen wie folgt: «Als Christinnen und Christen und als Glieder der EMK in Eurasien sind wir aufgerufen, aktive Schritte im Hinblick auf einen friedlichen Dialog zu tun und uns für gute Beziehungen, Heilung und Versöhnung einzusetzen. Ich glaube, dass die Gnade unseres Herrn Jesus Christus die Kraft hat, unsere Beziehungen zu erneuern und unsere Nationen zu segnen.»

 

Während fünf Tagen beteiligten sich die Delegierten an offenen und ehrlichen Diskussionen über den Konflikt, der die Region getrennt hat. Sie empfingen den Ruf, als Botschafterinnen und Botschafter des Friedens und der Versöhnung zu wirken. Daneben standen drei inhaltliche Schwerpunkte im Zentrum:

 

• die Untersuchung, wie christliche Gemeinschaften in anderen Konflikt- und Nach-Konflikt-Situationen zu Frieden und Versöhnung beigetragen haben

• die Bekämpfung von Trugbildern und Missverständnissen, die weiterhin den gegenwärtigen Konflikt zwischen der Ukraine und Russland befeuern

• die Benennung spezifischer Handlungen, die es EMK-Leitungspersonen und -Gemeinden in den beiden Ländern ermöglichen, sich für Frieden, Versöhnung und Liebe einzusetzen

 

Am Eröffnungstag hielt Bischof Khegay zwei Vorträge über die zentrale Rolle, die Christen im Hinblick auf die Heilung von durch Gewalt und Konflikte zerrissenen Gesellschaften gespielt haben. Er unterstrich dabei den prophetischen und seelsorgerlichen Dienst von Erzischof Desmond Tutu (Südafrika). Nach dem Ende des Apartheid-Regimes und der Wahl Nelson Mandelas zum Präsidenten wurde Erzbischof Tutu zum Vorsitzenden der Kommission für Wahrheit und Versöhnung in Südafrika ernannt. Unter seiner Leitung ermöglichte die Kommission Opfern von Gewalthandlungen, die Wahrheit ihres Leidens und ihrer Unterdrückung ans Licht zu bringen. Gleichzeitig suchte die Kommission nach Möglichkeiten, durch öffentliche Akte der Busse und der Vergebung zu einer gesellschaftlichen Versöhnung beizutragen. Bischof Khegay erinnerte in seinen Ausführungen auch an Mose, der beauftragt wurde, Gottes Volk aus Ägypten zu führen: «Wie Mose sind wir dazu berufen, inmitten einer politischen Krise als geistliche Führungspersönlichkeiten zu wirken und uns für Liebe und Versöhnung einzusetzen.»

 

Die Bibelarbeiten wurden von Superintendent Vasily Vuksta (Ukraine-Distrikt) und Superintendentin Irina Margulis (Moskau-Distrikt) gehalten. Supt. Vuksta wies darauf hin, dass viele Menschen der EMK in der Ukraine Angehörige und Freunde in Russland hätten. Als Folge des anhaltenden Konflikts zwischen den beiden Ländern hätten sich diese grenzüberschreitenden Beziehungen verschlechtert – bis zum Punkt, dass viele Menschen in der Ukraine nicht mehr mit ihren Freunden jenseits der Grenze sprächen. Aber: «Jesus hatte viele Gelegenheiten, die Beziehungen zu jenen abzubrechen, die sich gegen ihn wandten, zum Beispiel in der Begegnung mit der Frau aus Samarien. Doch er hörte nie auf, andere Menschen in seine Liebe einzuschliessen. Wie es in Apostelgeschichte 1 heisst: Wir sind berufen, das Evangelium an alle Menschen weiterzugeben. Egal, wo sie sind. Egal, ob sie für oder gegen uns sind.»

 

Supt. Margulis erinnerte an den Philosophen Viktor Frankl, der einmal schrieb: «Zwischen einem Reiz und einer Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum haben wir es in der Hand, unsere Reaktion zu wählen.» Supt. Margulis plädierte sehr für eine Reaktion der Versöhnung und Liebe. Im Wissen um die vom gegenwärtigen Konflikt verursachten Schmerzen und Wunden ermutigte sie dazu, dem Rat von Augustinus zu folgen: «Vergebt einander, damit Wut sich nicht zu Hass auswächst.»

 

Immer wieder trafen sich die Teilnehmenden in Kleingruppen, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen und über die Lebensperspektiven in ihren jeweiligen Ländern während dieses Konflikts zu berichten. Viele Teilnehmende erkannten in diesen Gesprächen, wie sehr propagandistische Kampagnen in traditionellen und sozialen Medien ihre Art und Weise, das jeweilige Gegenüber zu sehen, negativ geprägt hatten. Ein Laienmitglied aus Russland bekannte: «Als ich zu diesem Treffen kam, fragte ich mich, wie ich wohl mit den Delegierten aus der Ukraine zurechtkommen würde. Als Folge des Konflikts hatte ich viele Beziehungen zu Freunden und alten Schulkollegen abgebrochen – einfach, weil sie jetzt in der Ukraine leben. Aber dieses Treffen half mir, das Leben in der Ukraine besser zu verstehen. Es war für mich ein Segen, diese grenzüberschreitende Gemeinschaft zu erleben. » Ein Pastor aus der Ukraine hörte zum ersten Mal, dass methodistische Geschwister in Russland für die EMK in der Ukraine beten würden. Eine Laienperson aus der West-Ukraine bekannte ein gewisses Gefühl der Schuld: «Die Menschen in der Ost-Ukraine tun mir leid, aber bisher betraf mich der Konflikt nur indirekt. Diese Friedensgespräche führten mich dazu, Gott zu bitten, mir und anderen Menschen eine grössere Betroffenheit zu schenken.»

 

Die Notwendigkeit zum Engagement für Frieden und Versöhnung wurde durch einen Ausflug zum «Hügel der Kreuze» in Nord-Litauen unterstrichen. Während Jahrhunderten hatten Menschen aus Litauen hier Kreuze aufgerichtet, um jene zu ehren, denen wegen ihres christlichen Glaubens ein ordentliches Begräbnis verweigert worden war – oder um in Zeiten religiöser Unterdrückung ihren eigenen Glauben zu bezeugen. Während des Ausflugs zu dieser heiligen Stätte beteten die Teilnehmenden für ein Ende des Konflikts, für Versöhnung zwischen den Völkern und für den Mut zum Einsatz für Frieden. Bischof Khegay und andere Leitungspersönlichkeiten der Kirche fügten zu den geschätzten 200'000 Kreuzen ein eigenes Kreuz hinzu, um auf diese Weise ihren Einsatz für Frieden zu bekräftigen.

 

Gegen Ende des Treffens in Litauen verabschiedeten die Teilnehmenden einen Aufruf zum Handeln – als Selbstverpflichtung und als Ermutigung für andere, sich auf die biblischen Werte abzustützen, «Friedensstifter zu sein und sich in den Beziehungen zwischen Ukrainern und Russen um Vergebung, Heilung, Versöhnung und geistliche Einheit zu bemühen.» Zusätzlich schlugen die Teilnehmenden im Zusammenhang mit diesem Aufruf zum Handeln eine Reihe konkreter und praktischer Schritte vor:

 

• Einladung an methodistische Geschwister aus Russland und der Ukraine, um im Rahmen regionaler missionarischer Initiativen zusammenzuarbeiten

• Entwicklung einer Liturgie in ukrainischer und russischer Sprache für gemeinsame Gottesdienste

• Sammlung von Spenden in EMK-Gemeinden der Ukraine und Russlands, um Menschen zu helfen, die unter dem nach wie vor anhaltenden Konflikt in der Ost-Ukraine leiden

• Aufbau eines Studienkurses «Versöhnung» am EMK-Seminar in Moskau

• Durchführung von Gebetstreffen für Frieden und Versöhnung während der Fastenzeit, während des Advents und während anderer Zeiten des Jahres

• Organisation von Treffen für Jugendliche beider Länder mit den inhaltlichen Schwerpunkten Bibelarbeiten, Gemeinschaft und Sport

 

Als die Teilnehmenden an den Friedensgesprächen ihren Heimweg antraten, segneten sie einander im Namen von Jesus Christus und baten Gott um Kraft, um in einer aufgewühlten Welt das Evangelium bezeugen, für Versöhnung arbeiten und Friedensstifter sein zu können.

 

Bishop Khegay zeigte sich dankbar für die finanzielle und geistliche Unterstützung dieser Friedensgespräche – unter anderem auch gegenüber der EMK in Mittel- und Südeuropa. Darüber hinaus bat er darum, die Menschen in der Ukraine und in Russland nicht zu vergessen. «Ich bitte die Menschen der EMK rund um den Globus, für ein Ende des Konflikts in der Ost-Ukraine, für das Wohl der Menschen in der Ukraine und in Russland sowie für das geistliche Wachstum der EMK in Eurasien zu beten.»

 

Quelle: Pastor John Calhoun, GBGM-Missionar in Kiev (Ukraine)


RSS NEWS FEED

Hier können Sie den
RSS News Feed
der EMK abonnieren

Wie geht das?

United Methodist Church