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Toleranz

"Wir denken und lassen denken und bestehen nur auf einem: dem Glauben, der durch die Liebe tätig ist."

John Wesley (1703 - 1791)

Donnerstag 06. April 2017 14:27Alter: 254 days
/ Kategorie: Schweiz, Europa

Zuerst beobachten und dann machen

Rund 60 engagierte Menschen aus verschiedenen Kirchen und kirchlichen Ausbildungsinstitutionen nahmen am 1. April in Zürich teil am 5. Impulstag fresh expressions (fx) „Eintauchen - Kirche im Sozialraum entwickeln“. Drei fx-Spezialistinnen aus Deutschland und der Schweiz stellten Sozialraum-Analysen von fx-Projekten vor - ganz nach der Devise: Zuerst beobachten, zuhören und Fragen stellen.

Die fx-Spurgruppe unter der Leitung von Sabrina Müller, die die Tagung vorbereitete (nicht auf dem Bild: EMK-Vertreter Matthias Fankhauser).

Neben traditionellen Formen sollen neue Formate von Kirche entstehen, auch ausserhalb der Kirchenmauern, direkt bei jenen Menschen, die keinen Bezug zu Kirche haben. Das Netzwerk fx Schweiz, gegründet von verschiedenen Kirchen und kirchlichen Ausbildungsinstitutionen, widmet sich genau dieser Herausforderung.

 

Am 5. Impulstag führte Pfarrerin Sabrina Müller, Forscherin am Zentrum für Kirchenentwicklung der Universität Zürich und fx-Urmutter in der Schweiz, ins Tagungsthema „Eintauchen - Kirche im Sozialraum entwickeln“ ein. Angelehnt an die Apostelgeschichte und anhand konkreter Beispiele zeigte sie auf, wie man Menschen und ihren Sozialraum kennen lernt. Beim Umsetzen von fx gehe es zuerst ums „bewusste Einlassen“. Wer ist da? Was beschäftigt diese Menschen? Wo leben und arbeiten sie? „Wir tauchen in neue Netzwerke ein. Erst dann“, sagte Sabrina Müller, „können die ethnografischen und ethnologischen Untersuchungen beginnen. Wir hören hin, prüfen, reflektieren und treten schliesslich in Aktion.“

 

Best Practice Sozialraumanalysen

 

Wie Sozialraumanalysen in der Praxis aussehen, wurde anhand von vier ganz unterschiedlichen Beispielen aus der Schweiz aufgezeigt. In Diessenhofen ist das fx-Projekt „Venue“ entstanden. Angeboten wird ein Open Office u.a. mit Jobcoachings, einem Mittagstisch und Deutschkursen. Chris Forster und David Jäggi starteten das Projekt vor zwei Jahren – mit Zuhören. „Eineinhalb Jahre haben wir nur zugehört. Das war die grösste Herausforderung“, sind sich die beiden einig und ergänzen: „Einiges ist in der Umsetzung anders gekommen als ursprünglich geplant.“ Die „Zeit des Hinschauens“ nutzten die beiden auch, um mit Kirchenvertretern Kontakte aufzubauen. Denn nur Gemeinsames kann langfristig erfolgreich sein, ist das Duo überzeugt.  

 

Eine „Quartiervision“ hatte Alan Cereghetti von ICF Luzern für das Wohnquartier Tribschen. Der Wahrnehmungsprozess, gestaltet als Gebetslauf, zeigte bald: Wer da wohnt, will nur wohnen, ein Quartierleben findet nicht statt. Die Freizeit wird ausserhalb von Tribschen verbracht. Alan Cereghetti kam zum Schluss, dass seine Projektidee nicht die richtige war. Der ICF hat sich nun entschieden, seine Präsenz rund um den Bahnhof Luzern und in der Altstadt zu verstärken. Eben da, wo die Tribscher arbeiten oder ihre Freizeit verbringen.

 

Das Freilagerquartier liegt im Westen von Zürich, zwischen Altstetten und Albisrieden. In der neuen Überbauung wohnen rund 2000 Menschen. Mittendrin hat Sonja Zryd von der Reformierten Kirche Zürich den „Freiraum“ eröffnet. Das Quartier ist sozial durchmischt, 60 Prozent der Bewohner sind 26- bis 35-Jährige. Kaum jemand hat einen Bezug zur Kirche. Die Idee des Freiraums ist es, einen

Ort zur Verfügung zu stellen, den die Anwohnenden selber mit Inhalten füllen können. Der Freiraum ist in der ganzen Überbauung der einzige Gemeinschaftsraum. Das ist auch eine Chance für fx.

 

In der Zürcher Gemeinde Bubikon erleben junge Konfirmandinnen und Konfirmanden Zusammenhalt und Gemeinschaft. Nach der Konfirmation gibt es für die Jugendlichen jedoch keine Gefässe mehr. Ihnen wollte der Jugendarbeiter der Reformierten Kirche Bubikon, Michael Goldberg wieder einen Raum bieten. Seit zwei Monaten betreibt er dafür eine Jugendwohnung in Bubikon. Seine Sozialraumanalyse startete er mit einem Mapping vom Sozialraum und führte Einzelinterviews mit der Zielgruppe. Für die Jugendlichen ist die Wohnung ein niederschwelliges kirchliches Angebot, die Kirche selbst würden sie kaum besuchen. „Künftig wird es wichtig sein, die Anknüpfungspunkte zu den Jugendlichen rechtzeitig herzustellen“, erklärte Goldberg. „In Zukunft werde ich auch an den Konfirmationslagern teilnehmen.“

 

Was entsteht, wenn wir mit dem Sozialraum arbeiten?

 

„Wo ist Sozialraum?“ fragen Sandra Bils und Maria Hermann von Kirche². Die Orte reichen vom Kebab-Stand über Wanderwege, Einkaufszentren, Fussballplätze, den Stammtisch bis hin zum Zoo oder gar zur eigenen Terrasse. Kann da überall Kirche entstehen? Die beiden fx-Spezialistinnen gaben am Nachmittag Einblicke in ihren praktischen und theoretischen Erfahrungsschatz.

 

Anhand des Kölner Projekts „die Beymeister“ zeigten sie die verschiedenen Phasen von fx auf. Auch hier begann es mit Hinhören, Schauen, wer da ist und mit Beobachten. Dafür wählten die Initianten das Rheinufer. Sie fanden Kinder, Familien, Berufstätige, die nach Feierabend den Kopf auslüfteten, und Spaziergänger. So erfuhren sie, wer diese Menschen sind und was sie bewegt. Daraus entstanden kreative, auf die jeweilige Zielgruppe ausgerichtete (Guerilla-)Projekte. „Wer erfolgreiche fx auf die Beine stellen will, muss sich selber auch zur Zielgruppe zählen“, ist Sandra Bils überzeugt und ergänzt: „Für Aktionen, an denen ich selber auch Freude habe, kann ich andere viel besser begeistern.“ Für Maria Hermann ist neben der Analyse auch die Konzentration auf das Eigene zentral und sie ruft dazu auf, sich mit anderen Menschen zusammenzutun. „Teams sind erfolgreicher“, sagt sie und macht nicht zuletzt Mut, immer wieder hinzuhören und neu zu entdecken.

 

Die Aufbruchbewegung fresh expressions of church ist entstanden im anglikanischen Raum und fällt auch hierzulande zunehmend auf fruchtbaren Boden. Dem Netzwerk in der Schweiz haben sich seit der Gründung 2011 rund 600 engagierte Menschen angeschlossen. Sieben christliche Kirchgemeinschaften, darunter auch die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) sind Träger des Netzwerks. Organisiert wurde die Tagung von A+W Aus- und Weiterbildung der reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer.

 

Informationen: www.freshexpressions.ch

Fx-Kontaktperson in der EMK: Pfarrer Matthias Fankhauser, matthias.fankhauser@STOP-SPAM.emk-schweiz.ch

 

Autorin: Esther Derendinger, esther.derendinger@STOP-SPAM.zh.ref.ch

 

 


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