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«Der Gewinn ist viel grösser als die Anstrengung»

(Bild: zVg)

Mariette Jecker arbeitet in der Pflege von demenzkranken Personen. Eine bereichernde Aufgabe, findet sie. Sie übt einen achtsamen Umgang mit sich und anderen ein.

 

Demenz ist ein vielfältiges Phänomen. Kannst du das ein wenig aufschlüsseln?

Häufig ist wenig bekannt, dass «Demenz» viele Krankheitsformen umfasst. Unter diesen ist die Alzheimererkrankung mit 50-60% die häufigste. Die zweite häufige Form ist die vaskuläre Demenz. Sie tritt aufgrund von Durchblutungsstörungen im Gehirn auf. Eine weitere Form, die bei 10-15% der Erkrankungen auftritt, ist die Lewy-Körper-Demenz. Diese äussert sich sehr ähnlich wie die Alzheimererkrankung. Eine differenzierte Diagnose zu stellen ist aber wegen der Behandlung sehr wichtig. Die frontotemporale Demenzform ist seltener. Sie fordert allerdings das Umfeld der betroffenen Person sehr heraus, weil die Persönlichkeit und das zwischenmenschliche Verhalten fast immer verändert ist (Enthemmung, Unruhe, Masslosigkeit beim Essen). Die Selbstkontrolle geht zusehends verloren.

 

Welche Symptome gehören zu einer Demenz?

Zu den Symptomen gehört grundsätzlich eine Veränderung der Betroffenen, weil diese merken, dass sich ihr Erinnerungsvermögen verschlechtert – und weil es eindeutig nicht eine Vergesslichkeit ist, wie sie im Alter oft vorkommt: Dass man das Auto in der Tiefgarage nicht mehr findet, das kann allen passieren. Aber wenn man dann merkt: Ich bin ja gar nicht mit dem Auto gefahren, ich bin ja mit dem Zug gekommen, dann ist das schon beunruhigend. Ein weiteres Symptom können Sprachschwierigkeiten sein: Die Betroffenen können sich kognitiv nicht mehr so gut ausdrücken. Was Angehörigen sehr Angst oder Mühe bereitet, ist die Veränderung der Persönlichkeit: Die Betroffenen werden antriebslos, unruhig, vernachlässigen sich, ziehen sich manchmal sehr stark zurück. – Wenn man diesen ganzen Symptomblock wahrzunehmen beginnt, dann ist eine Abklärung angezeigt.

 

Wie muss ich mir eine solche Abklärung vorstellen?

Der Hausarzt/ Hausärztin ist meistens die Vertrauensperson, die eine Überweisung einleitet. Eine Abklärung kann durch einen Neurologen oder in einer Memory Clinic erfolgen. Nebst verschiedenen Untersuchungen, wird fast immer ein Mini-Mental-Status-Test gemacht. Das ist ein Instrument, das hilft, die kognitiven Fähigkeiten einzuschätzen: die zeitliche und örtliche Orientierung, das Kurzzeitgedächtnis. Aber auch ein gutes Resultat bei diesem Test schliesst eine Demenz nicht unbedingt aus.

 

Was sind für dich die besonderen Herausforderungen in der Pflege von dementen Personen?

Eine sehr grosse Herausforderung für mich und das Team sind Eintritte. Diese erfolgen ja praktisch nie freiwillig sondern auf Initiative der Angehörigen. Es wird über diese Menschen verfügt, weil es anders nicht mehr geht. Das scheint mir die grösste Herausforderung zu sein. Wenn man sich ein wenig in diese Menschen hinein versetzt, kann man erahnen, wie schwer die Entwurzelung wiegt: nichts ist mehr wie es einmal war. Sehr oft verstärken sich die Symptome der Demenz, wenn Menschen einen solchen Milieu-Wechsel erleben. Was sie vielleicht zuhause noch selbst machen konnten – etwa die Toilette aufsuchen – das geht bei uns von einem Tag auf den anderen gar nicht mehr und braucht viel Zeit und Geduld von allen Beteiligten.

 

Was ist im Umgang mit dementen Personen wichtig?

Für uns ist klar: Wir müssen immer wieder ganz neu unsere Erwartungen anpassen. Wir schauen, wie es der Bewohnerin oder dem Bewohner heute geht: Was können wir heute mit dieser Person erreichen? Was müssen wir einfach bleiben lassen? Wir passen also unsere Pflege täglich den Bewohner/innen an, weil die Tagesverfassung sehr schwanken kann.

Bei den meisten Demenzkranken ist es ausserdem sehr wichtig, ein möglichst ruhiges Umfeld zu schaffen. Wenn man ihnen etwas erklärt, dann gilt es erst 5 Sekunden zu warten, bevor man es umsetzt. Wenn ich sage: «Ich ziehe ihnen jetzt den Pullover an» – dann darf ich nicht schon am Arm der Person herumziehen. Vielmehr schaue ich zuerst, wie die Person reagiert. Vielleicht merke ich dann: Jetzt hat sie den Pullover gesehen. Und dann kann es sogar sein, dass die Person den Arm hebt, um hinein zu schlüpfen. Generell ist es aber sehr wichtig, die Ressourcen, die noch vorhanden sind auszuschöpfen. Wenn wir als Pflegende Handlungen übernehmen, die jemand noch selbst tun kann, dann schränken wir diese Menschen in ihrer Freiheit ein.

 

Manche Formen der Demenz sind auch mit Aggressivität verbunden. Wie geht ihr damit um?

Wir fragen uns grundsätzlich – ohne jemandem eine Schuld zuzuweisen: Wodurch wurde diese (aggressive) Abwehrreaktion ausgelöst? Dann versuchen wir, wann immer möglich, zu berücksichtigen, wer zu dieser Person einen guten Draht hat.

Es muss uns einfach immer bewusst sein, dass das ihr Weg ist, um zum Ausdruck zu bringen: «Stopp! Ich will das gar nicht, was ihr da macht.» Das hilft uns, die Verhaltensauffälligkeit nicht persönlich zu nehmen. Aber es gibt leider Situationen, in denen wir uns klar schützen müssen und entsprechend, vielleicht mithilfe von Medikamenten, vorgehen müssen. Vieles lässt sich aber dadurch abfangen, dass wir genau hinschauen, wie es heute dem/der Bewohner/in geht, dass wir achtsam sind und nichts erzwingen und schon gar nicht umerziehen wollen.

 

Was kostet dich persönlich am meisten Kraft?

Zum einen: Diese Arbeit kostet nicht nur Kraft, sie gibt auch Kraft. Der Gewinn ist eindeutig grösser als die Anstrengung. In der Begegnung mit Demenzkranken habe ich sehr viel gelernt für mein eigenes Älterwerden. Als von Natur aus eher ungeduldige Frau habe ich in dieser Arbeit ein ausgezeichnetes Übungsfeld gefunden im Hinblick auf meine eigene Pensionierung diesen Sommer.

Was mir aber am meisten zu schaffen macht und Kraft kostet, ist dies: Wenn wir umsetzen wollen, was in unserem Konzept der Palliative Care steht, nämlich die Bewohner/innen ganzheitlich wahrnehmen, mit ihrer Biografie auf sie eingehen – dann braucht das genügend Zeit und gut geschultes Personal – und damit mehr Finanzen! Leider ging die Entwicklung in den letzten Jahren genau in die andere Richtung. Das bedaure ich sehr!

 

Zur Person

Mariette Jecker-Geiser, Pflegefachfrau HF mit Zusatzausbildung in Palliative Care. Mutter von drei erwachsenen Kindern und Grossmutter.

 

Das Gespräch führte: Sigmar Friedrich

«Durch die Demenz wurde sie mir wie noch einmal geschenkt»

(Bilder: zVg)

Wie ist es für Angehörige, wenn die Mutter oder Grossmutter dement wird? Ursula und Neomi Tregilgas geben an ihren Erfahrungen Anteil.

 

Ursula, deine Mutter ist dement. Wann hat das angefangen? Wie habt Ihr das gemerkt?

Ursula: Angefangen hat es wohl viel früher, als wir es bemerkt haben. Klar wurde es, nachdem sie einen Hirnschlag hatte und hospitalisiert werden musste. Die Verwirrtheit wurde dann nicht mehr ganz gut. In diesem Zusammenhang wurde auch klar, dass Anzeichen einer schleichenden Demenz schon vorher vorhanden waren.

 

Was waren das für Anzeichen?

Ursula: Sie ist mit manchen Situationen nicht mehr klar gekommen, war sehr ungeduldig. Oft behandelte sie andere sehr vorwurfsvoll: Wenn etwas nicht geklappt hat, dann musste das der Fehler von jemand anderem sein. Ihr Fehler war es sicher nicht. - Wir sind damals oft aneinander geraten. Deshalb finde ich es auch so traurig, dass ich das nicht früher gemerkt habe. Denn dann wäre ich ganz anders damit umgegangen.

 

Und dann wurde sie aufgrund eines Hirnschlags hospitalisiert – und dabei wurde auch die Demenz festgestellt?

Ursula: Im Spital haben sie zunächst immer von einem «Delir» geredet, so nennt man das, wenn jemand aufgrund eines Hirnschlags durcheinander ist. Ihr wurde darum gesagt, dass sie später wieder zurück in ihre Wohnung könne – während für uns klar war, dass das nicht mehr geht. Zugleich wussten wir, dass sie sich immer sehr vehement dagegen gewehrt hat, institutionalisiert zu werden. Mein Vater war bereits im Wohn- und Pflegeheim Flawil (WPH). Wir hatten ihr öfters vorgeschlagen: ‹Das wäre doch schön, wenn du jetzt dort auch ein Zimmer bekommen könntest, dann könntet ihr euch wieder öfters sehen.› Doch sie hatte das Gefühl: Wenn sie dort institutionalisiert sei, sei sie als Mensch weniger wert. Das wollte sie nicht.

Sie war zunächst hier in Flawil im Spital. Anschliessend kam sie in die Geriatrie nach St. Gallen. Unsere Überlegung war: Wenn man im Spital war, darf man anschliessend eine Zeit lang zur Erholung weg. Darum haben wir einen Ort für sie gesucht, an dem sie unsere Mutter einerseits kurzfristig aufnehmen – und andererseits auch für eine längere Zeit behalten konnten. In diesen Vorschlag hat sie sofort eingewilligt. Dann wurde hier in Flawil im WPH ein Platz frei. Wir haben sie gefragt, wie das so wäre: Hier hätten sie ein Zimmer für sie – und dann wäre sie auch wieder bei ihrem Mann… Da war sie einverstanden. Von der Wohnung haben wir gar nicht mehr geredet. Die hat danach für sie wie gar nicht mehr existiert.

 

Und jetzt ist sie auf einer Station speziell für demente Personen?

Ursula: Genau. Am Anfang war sie noch auf einer normalen Station im WPH. Da ist sie dem Personal aber öfters davongelaufen. Das lag für das Personal einfach nicht drin. Darum kam sie auf eine geschlossene Abteilung. Dort hat sie anfangs schon noch realisiert, dass die meisten anderen Leute dort schwächer dran sind als sie. Sie konnte dann sagen: ‹Ja, es gefällt mir gut hier. Sie schauen auch gut nach mir. Aber die anderen Leute sind, glaub ich, ein bisschen «gaga».›

Wir hatten nie das Gefühl, dass sie selbst dort nicht zufrieden sei. Sie hat immer zufrieden gewirkt. Das hat uns als Angehörige ruhiger gemacht. Wir hatten das Gefühl, dass sie dort gut aufgehoben ist.

Neomi: Wenn sie frustriert war, dann hatte das eher seinen Grund darin, dass sie gemerkt hat, dass sie Dinge vergisst oder sich an Einzelheiten nicht mehr erinnern konnte. Vor allem, als sie Sätze nicht mehr zu Ende bringen konnte, da hatte ich den Eindruck, dass sie manchmal innerlich unzufrieden war, nicht mehr richtig kommunizieren zu können.

 

Was hat dieser Prozess bei Euch ausgelöst – die Mutter oder Grossmutter zu «verlieren», weil sie sich so verändert?

Neomi: Ich habe das so erlebt, dass ich sie gewinne – nicht, dass ich sie verliere. Denn vorher war sie so unzufrieden, verärgert und zum Teil fast bösartig. Heute geht es ihr psychisch in meiner Wahrnehmung besser als vorher. Jetzt leben wir einfach unser Leben mit ihr, so wie es geht und wie es funktioniert. Das, was möglich ist, ist möglich – und das, was nicht möglich ist, ist eben nicht mehr möglich. Verloren habe ich zu einem gewissen Grad einen Gesprächspartner, mit dem ich jetzt nicht mehr dieselben Gespräche führen kann. Aber durch die Krankheit gewachsen ist das Gernhaben und dass es angenehm ist, mit dieser Person zusammen zu sein.

Ursula: Für mich ist es ähnlich. Die Phase, in der sie offensichtlich schon krank war, aber ich nicht wusste, dass sie schon krank ist, war für mich sehr unangenehm. Wir konnten kaum mehr einen Nachmittag zusammen sein, ohne miteinander Streit zu haben. Zu der Zeit versuchte ich, so gut, wie ich selbst es ertragen konnte, mit ihr noch Kontakt zu haben. Aber ich merkte, dass mich das sehr viel Kraft kostete, und musste darum ein wenig auf Distanz gehen. – Durch die Demenz wurde es mir wie noch einmal geschenkt, dass wir gute Momente miteinander haben. Auch wenn das nicht mehr auf derselben Ebene ist. Aber emotional haben wir es gut miteinander. Das war wirklich wie ein Geschenk.

Ich beobachte auch, dass gewisse Eigenarten meiner Mutter immer noch vorhanden sind. Sie hat zum Beispiel einen Sinn für Humor. Den hat sie behalten. Die Witze sind vielleicht anders. Es sind keine komplexen Witze mehr. Eher kindliche Sachen sind lustig. Aber da könne wir manches Mal wirklich herzhaft miteinander lachen.

 

Hat diese Erfahrung etwas bei euch selbst verändert?

Neomi: Mir ist eine Begebenheit sehr «eingefahren»: Wir waren an der Beerdigung meines Grossvaters. Meine Grossmutter war auch mit dabei. Es hatte sehr viele Personen, die sie schon länger nicht mehr gesehen hatten und vielleicht zum Teil nicht einmal wussten, dass sie dement ist. Dann sind die Leute auf sie zugekommen. Eine Frau ging auf sie zu und sagte: ‹Hoi, gell, du weisst schon noch, wer ich bin!?› – Das hat meine Grossmutter sehr aus dem Konzept gebracht. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich sehr geschämt hat, dass sie diese Frau nicht mehr kannte, obwohl die das selbstverständlich erwartet hat. – Ich glaube, das geschieht: Man entwickelt eine gewisse Feinfühligkeit, wenn man so jemandem in seinem persönlichen Umfeld hat.

 

Zur Person

Ursula Tregilgas
verheiratet, Mutter von drei erwachsenen Kindern; arbeitet teilzeitlich als Primarlehrerin; in der EMK Flawil im Leitungsteam.

Neomi Tregilgas
21, Ausbildung abgeschlossen als Detailhandelsfachfrau Textil, kürzlich wieder zurück gekommen vom Reisen, will im Herbst eine Psychologiestudium anfangen.

 

Das Gespräch führte: Sigmar Friedrich

Grundlegend oder Gegenstand des weiteren Gesprächs?

(Bild: EMK Schweiz)

Mitten in den Zerreissproben, in denen die Evangelisch-methodistische Kirche nach den Entscheidungen der Generalkonferenz im Februar steht, mag eine Besinnung auf die Lehrgrundlagen unserer Kirche hilfreich sein.


«Die Evangelisch-methodistische Kirche bekennt sich zum überlieferten christlichen Glauben an Gott, der zu unserer Erlösung in Jesus Christus Mensch geworden ist und durch den Heiligen Geist ständig in der Geschichte wirksam ist.» So beginnt der erste Teil über unser lehrmässiges Erbe in der Kirchenordnung. Zunächst wird beschrieben, was Methodisten mit Christen aller Zeiten und Völker als gemeinsames Erbe teilen. Wir reihen uns ein in ein grosses ökumenisches Erbe. Erst anschliessend wird unser besonderes evangelisch-methodistisches Erbe beschrieben. Dabei wird die Bedeutung der Gnade, die unser Verständnis des christlichen Glaubens und Lebens durchdringt, entfaltet. Die Allgemeinen Regeln (Nichts Böses tun; Gutes tun; die Gnadenmittel gebrauchen) werden ebenfalls erläutert. In der Schlussfolgerung heisst es: «Für die Methodisten war es weniger dringlich, Lehrsätze zu formulieren, als Menschen zum Glauben zu rufen und sie in der Erkenntnis und Liebe Gottes zu fördern.»

 

Den Glauben vertiefen

Es folgt ein zweiter Teil über die Geschichte unserer Lehre, sowie ein dritter Teil mit den Glaubensartikeln der Methodistenkirche, dem Glaubensbekenntnis der Evangelischen Gemeinschaft, sowie dem Text der Allgemeinen Regeln von John Wesley. Der vierte und letzte Teil ist unserem theologischen Auftrag heute gewidmet. Dort stehen die bekannt gewordenen Sätze über Quelle und Kriterien für die Vertiefung des Glaubensverständnisses: «Wesley war überzeugt, dass der lebendige Kern des christlichen Glaubens in der Bibel offenbart, von der Tradition erhellt, in persönlicher Erfahrung zum Leben erweckt und mit Hilfe des Verstandes gefestigt wird.»

 

Zwei Arten von «Lehre»

An keiner Stelle der Lehrgrundlagen wird Homosexualität thematisiert. Zur Ehe steht in den Glaubensartikeln nur, dass sie nicht zu den Sakramenten zählt und dass den Geistlichen nicht verboten werden darf, eine Ehe einzugehen. Als 1972 in den Sozialen Grundsätzen der Satz eingeführt wurde, dass «praktizierte Homosexualität nicht mit christlicher Lehre vereinbar ist», wurde im Englischen sehr bewusst der Begriff «teaching» (Lehren als theologische Unterweisung) und nicht der Begriff «doctrine» (Lehre als grundlegender Glaubensartikel) gewählt. «Teaching» hat mit den Lehrmeinungen zu tun, über die es unterschiedliche Überzeugungen geben kann und das gemeinsame Gespräch weitergehen muss. Das müsste uns zum Nachdenken anregen, ob daraus nun wirklich eine kirchen-trennende Frage im Sinne von «doctrine» werden soll.

 

Bischof Patrick Streiff

Eine Osterkerze selber ziehen

(Bild: zVg)

Die Augen leuchten auf – ein Funkeln voller Freude und Stolz! «Oh, wie schön! – Lueg!» So tönt es immer wieder beim Abschluss, wenn eine Kerze fertig gezogen ist und der Überzapfen abgeschnitten wird, damit die Kerze stehen bleibt. Neu ermöglicht die Zeltmission solche Erlebnisse überall.

 

Die Saison der Zeltmission endete in der Vergangenheit im Herbst und startete erst nach Ostern. Mit dem Angebot «Kerzen – ziehen und giessen» ist die Zeltmission neu auch in der Weihnachts- und Passionszeit auf Tour. Dabei kann sehr individuell auf den Einsatzort eingegangen werden. Je nach verfügbaren Räumlichkeiten und Platzverhältnissen können bis zu 20 verschiedene Wachsfarbtöne angeboten werden. «Ob das Kerzenziehen draussen in der frühlingshaften Umgebung der EMK, auf dem Marktplatz oder in der warmen Weihnachtsstube stattfindet, ist weniger vom Wetter abhängig», so Michael Breiter, «sondern entscheidend ist die verfügbare Stromenergie vor Ort. Der Praxis zeigt, dass beim Marktplatz genügend Strom abrufbar ist», weiss der Verantwortliche für die «Kerzen-Einsätze».

 

Gespräche am Wachstopf

Erfahrungsgemäss sind öffentliche (Markt)-Plätze ideal, weil dort die Schwelle für Interessierte und Passanten am niedrigsten ist. Werden Kerzen gezogen, kommt man am Wachstopf schnell ins Gespräch, da in der Regel die Kinder ihre Eltern mit der Freude am Kerzenziehen anstecken. Schicht um Schicht wird aufgetragen, an der selbst hergestellten Osterkerze, die manchmal auch ein Osterei ist.

 

Zum Segen werden

Auch dieses Jahr möchte die Zeltmission «Zum Segen werden!» – wie seit Beginn der Arbeit. Die äusserliche Art und Weise verändert sich. Bei den Einsätzen gibt es eine grosse Vielfalt. Da spielt die Vielfalt und Verschiedenheit der Gemeinden hinein. «Uns als Zeltmission ist es wichtig, möglichst viele Einsätze zu ermöglichen und die nötigen ‹Werkzeuge› zur Verfügung zu stellen», sagt Hans-Martin Kienle, Leiter der Zeltmission, die in Laichingen (D) stationiert ist. Schmunzelnd ergänzt er: «Übrigens: die Schweiz ist viel näher an Laichingen gelegen als Ost- und Norddeutschland.»

Finanziert wird die Zeltmission durch einen Beitrag zur Aufwandsentschädigung, den die einladende Gemeinde bezahlt, sowie durch einen Spenderkreis aus Deutschland und der Schweiz. Hans-Martin Kienle betont: «Wir sind dankbar um viele kleine und grosse Spendenbeiträge, die die Einsätze in Europa ermöglichen.» Einsätze die für viele Menschen bereits zum «Oster-Ereignis» wurden.

 

Unterstützen und buchen

Die Arbeit der EMK Zeltmission mit einer Spende unterstützen:
EmK Zeltmission, Laichingen, IBAN: DE50 6309 1300 0008 5700 00

Ein «Werkzeug» der EMK Zeltmission buchen:
Hans-Martin Kienle, +49 171 6007273, E-Mail

 

Michael Breiter

Möglichst viel verdienen – und dann spenden

(Bild: zVg)

Dominic Roser ist in der EMK aufgewachsen, wo sein Grossvater und sein Vater Pfarrer waren. Gewohnt hat er einige Jahre lang in der Kapelle im Züri 4, für deren Bau die Zahlstelle 1908 gegründet worden ist. Ein Umfeld, das den Wirtschaftsethiker bis heute prägt. Als Missionar für den «effektiven Altruismus», ein Ansatz für den Umgang mit Geld aus dem englischen Sprachraum, stellt er interessante Fragen – und gibt unbequeme Antworten.

 

Zahllose Investoren und Privatanleger stecken viel Zeit und Energie in die Suche nach sauberen Anlagemöglichkeiten für ihr Geld. Dominic Roser ist dagegen überzeugt, dass es zweitrangig ist, wie und wo das Geld arbeitet und Rendite erwirtschaftet. «Viel entscheidender ist es, was man mit dem verdienten Geld macht. Verwenden wir es, um eigene Wünsche zu befriedigen oder setzen wir es ein, um den Grundbedarf und das Überleben anderer Menschen zu sichern?», gibt er zu bedenken.

Er ist überzeugt, dass wir Schweizer uns nicht darauf beschränken dürfen, hierzulande Gutes zu tun. Konsequent setzt er in dieser Frage auf die Globalisierung: «Laut Schätzungen kostet es weniger als 3000 Franken ein Menschenleben zu retten.» Provokativ sagt er: «in der Schweiz setzt sich sogar die Linke für Leute ein, die 25'000 Franken oder mehr auf der hohen Kante haben. Angesichts von Hunger und Not in der Welt sollte das aber kaum die erste Priorität sein.»

 

Und die Freiwilligenarbeit?

Auch Dominic Rosers Perspektive auf die Freiwilligenarbeit, auf der unsere Bezirke und viele Belange des Alltagslebens basieren, ist ungewöhnlich. Wer diese Zeit gegen guten Lohn arbeitet und den Überschuss verantwortungsbewusst weggibt, sei im Bemühen Gutes zu tun, oft deutlich effizienter als mit unbezahltem Engagement, argumentiert er. Ein Kollege von ihm habe extra ein Unternehmen gegründet, um diesem Prinzip nachzuleben – «und das Geld, das er nun spendet, das schenkt richtig ein».

Entscheidend dabei: An den richtigen Ort spenden. Demjenigen Hilfswerk und Projekt, das effektiv Armut lindert, ob es nun ein Gütesiegel hat oder nicht, gross oder klein ist. Dominic Roser geht so weit zu sagen, dass der grösste Unterschied nicht zwischen einem Egoisten und einem Altruisten besteht, sondern zwischen dem Altruisten, der sich um die Wirksamkeit seiner Spenden bemüht und dem Altruisten, der zwar guten Willen, aber kein Verantwortungsbewusstsein für seine Gaben hat.

 

Vertrauen ist als Kapital unbezahlbar

Von nichts kommt nichts. Einen Auslöser für seine radikale Haltung sieht Dominic Roser in der Zeit, als er als Kind einige Monate in den USA lebte und beobachtete, wie Arme aus dem Kehricht essen. «Die Frage nach der Gerechtigkeit auf der Welt hat mich schon damals beschäftigt. Heute bin ich überzeugt, dass die Kirche in der Schweiz als Geldgeber für Kirchen in der dritten Welt fungieren sollte.» Da lässt Connexio grüssen. Doch welche Bedeutung sieht der promovierte Ökonom und Ethiker in der Zahlstelle?

«Mit der Zahlstelle verfügt die EMK über ein wunderbares Kapital von Vertrauen, und das ist unbezahlbar. Da ist ein Netzwerk von Menschen, die wissen, dass es etwas Grösseres gibt als Geld. Da macht die Kirche das Richtige, denn sie darf in dieser Welt keine Berührungsängste zum Geld haben. Sie muss sich nur vor der Versuchung schützen reich werden zu wollen.»

 

Die Frage nach dem Zins

Dass die Zahlstelle, anders als die Banken derzeit, ihren Anlegern Zins zahlen kann, schaffe zwar eine gewisse Art von Ungerechtigkeit (wer hat, dem wird gegeben), so Dominic Roser. «Doch wie gesagt, entscheidend ist, wie die Leute das erwirtschaftete Geld ausgeben.»

Damit liegt er ganz auf der Linie von EMK-Gründer John Wesley, der seine Anhänger ermutigte, so viel als möglich zu verdienen, um möglichst viel spenden zu können. «Wenn es ums Geld geht, ist Wesley mein liebster Prediger», sagt Dominic Roser.

 

Zur Person

Dominic Roser (42) ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder, die er einen Werktag pro Woche betreut. Studiert hat er Wirtschaft und Philosophie, das Doktorat hat er vor zehn Jahren über Wirtschaft und Ethik angesichts des Klimawandels gemacht. Beruflich ist er zu 50 Prozent an der Uni Fribourg als Lehr- und Forschungsrat tätig. Seit dem letzten Jahr arbeitet er für die Organisation «effektiver Altruismus» (30%), wo er ein Projekt leitet, um das areligiöse Altruismus-Konzept im Zusammenhang mit der Nächstenliebe für die Kirchen anzupassen (www.eaforchristians.org). Die junge Familie lebte drei Jahre in England, in der Umgebung Oxford. Heute ist sie in Bümpliz daheim und engagiert sich in der anglikanischen Gemeinde in Bern – der Mutterkirche der EMK.

 

Daniela Deck

United Methodist Church