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Zeit und Ewigkeit

"Wenn wir sagen, Gott weiss alles vorher, stimmt das eigentlich nicht, denn für Gott gibt es kein Vorher und kein Nachher. Die ganze Zeit – oder vielmehr die ganze Ewigkeit – ist im selben Augenblick gegenwärtig. Uns Menschen sind nur jeweils sehr kurze Abschnitte der Ewigkeit als Zeit in die Hand gegeben."

John Wesley (1703 - 1791)

Ein Fest der Hoffnung?

Weihnachten als Fest der Hoffnung? Jedenfalls die biblischen Erzählungen sehen das so: Mit der Geburt dieses Kindes werden grosses Hoffnungen verknüpft. Für diese Ausgabe von «Kirche und Welt» wurde das zum Anlass, einige Personen ausgehend von der Weihnachtsbotschaft der Engel nach ihrer Hoffnung zu fragen: Welche Hoffnung begründet der Glaube an Jesus? Wohin führt das, wenn Jesus überall in der Welt seine Sendung und sein Werk vollendet? Wie verändert das Welt und Mitwelt, Menschen und Schöpfung, Wirtschaft und Gesellschaft, Kirche und Gemeinde – und Sie und mich?
Eine bunte Vielfalt an persönlichen Antworten lesen Sie hier, berührend, herausfordernd, anstössig, nachdenklich – und vielleicht auch eine Anregung dazu, selbst einmal die eigene Hoffnung zu beschreiben.

Das ganze Leben

(Bild: AntoniaRusev, pixabay.com)

Haben sie schon einmal ein gerade Neugeborenes in den Armen gehalten? Miterlebt, wie es ankommt in der Welt? An solch einem kleinem Wesen ist nicht nur schon alles dran en miniature, es ist auch schon alles da. Das ganze Leben darf man da im Arm halten. Alles ist da, die ganze Persönlichkeit, alle Fähigkeiten, alle Eigenheiten. Nur wenige Stunden oder gar Augenblicke ist es spürbar, danach hat der Säugling bereits seinen Platz in der Welt und ist eben ein Säugling, der Wärme, Nahrung, frische Windeln braucht.
Um diese Augenblicke geht es meiner Meinung nach an Weihnachten. Um diese Augenblicke oder Stunden, als da ein Mensch auf die Welt gekommen ist und alles da war. Sein ganzes Leben: Hilflosigkeit und Herrschaft, Unvermögen und die Macht, die Welt zu verändern, Diener und Richter, Mensch und Gott. Und Hoffnung. Bei der Geburt Jesu.

 

Nicole Becher

Gottes Ja lebt mit dir und mir weiter

(Bild: Rafa, openclipart.org)

Das Sternenbild,
verheissungsvoller, als je eines zuvor, deuten die Wissenden.
Und prophezeien den Umbruch herrschender Verhältnisse


Die Friedensbotschaft,
hoffnungsvoller als je gehört, jubeln die Vergessenen auf den Feldern.
Mit Himmelsgesang im Herzen läuft`s leichtfüssig dem Licht entgegen.


Die Zeit ist heilig,
glauben die Suchenden, keine je zuvor ist gleichermassen Wirklichkeit geworden.
Sie erkennen, kehren dem Falschen den Rücken und landen
im Stall, bei Krippe und Kind - die Statisten sind bekannt.
Heilige Nacht.


Heilig?
Das Kind, geboren in Armut - wie abertausende.
Erwacht, zwischen Wegweisung und Flucht - heute noch immer
Ausgeliefert, einem System von Macht und Unterdrückung - weltweite Realität
Heilig?


Heilig wird die Geschichte, denn Maria hat das einzig Wichtige gespürt und das einzig Richtige gesagt.
Ja
Ja zu diesem Kind, als ihren Sohn,
Ja zu diesem Leben, das in den Sternen steht.
Ja zu dem Weg, der kein einfacher wird.


Es ist das Ja, das Maria lichterfüllt mit ihrer Schwangerschaft empfängt.
Es ist das Ja, das sie hoffnungsvoll mit Elisabeth teilt.
Es ist das Ja, das Leben ermöglicht, erhält und weitergibt,
in die Welt gesandt von der grossen Schöpferkraft, dem immerwährenden
Ja
Gottes Ja ist mit Jesus lebendig geworden.
Es lebt mit dir und mir heute weiter,
wenn wir als gottbegabte Frauen und Männer hingehen
zu den Vergessenen vor den Türen, Städten, Grenzen
und
ihnen Hoffnung wecken, um loszuziehen
ihnen Licht sind, um anzukommen
ihnen Frieden bringen, um zu bleiben


Heilige Zeit! Jetzt!

 

Christine Preis

Grenzenloser Friede

(Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay.com)

Friede, der sich ausbreitet

(Bild: adelmomartins, pixabay.com)

Für uns westliche Menschen ist es manchmal kaum zu begreifen, was es heisst, in einem friedlichen Land (also ohne Krieg) zu leben. Ich wurde in der Weihnachtszeit Ende der 80er in Angola geboren, als noch Bürgerkrieg herrschte. In dieser Zeit herrschte für die Angolaner/innen und die Missionar/innen kein «Frieden auf Erden». Trotzdem blieben meine Eltern und andere Missionar/innen so lange wie möglich dort, um den Angolaner/innen die Botschaft eines Friedens zu verkündigen, der auch mitten im Krieg erlebt werden kann.
Diese Botschaft prägt mich bereits mein Leben lang. Ich hoffe und ersehne den Frieden auf Erden. Nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern auch Frieden in meinen Beziehungen und mit mir selbst. Ich wünsche und hoffe ganz stark, dass alle Menschen auch den äusseren Frieden erleben dürfen, den ich in der Schweiz «habe». Die Weihnachtszeit verstärkt dieses Sehnen in mir.
Hoffnung gibt mir, dass Jesus in eine gewaltvolle Zeit kam und mitten in der Gewalt der Friede Gottes anfing, Menschen und die Welt zu verwandeln. Dieser Friede wird nicht sofort alle Kriege abschaffen, sondern er wird zuerst bei mir anfangen, ganz unscheinbar und klein. Wenn ich mich von Gott und seinem Frieden verändern lasse, dann wird sich dieser Friede ausbreiten. Das ist meine Hoffnung und mein Gebet.

 

Damaris Raymann

Teil des Friedens werden

(Bild: waldryano, pixabay.com)

In einer Zeit, die zunehmend von Krieg und Gewalt geprägt ist, fällt es mir schwer, mir eine «fried-volle» Welt vorzustellen. Wenn ich Zeitung lese, muss ich mich oft stärker konzentrieren als bei alten theologischen Texten im Studium, um die Hintergründe und Kontexte der jeweiligen Problemlage zu verstehen. Und mit dem Verstehen allein ist es nicht getan: Ich will handeln, doch meine Hände sind gebunden. In den USA sterben Menschen bei einem Shooting – und ich kann nichts tun. In Jemen wüten Krieg und Hunger – und ich kann nichts tun. In Nordkorea werden Menschen unterdrückt – und ich kann nichts tun.


Ich kann nichts tun – wirklich?
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr sehe ich die Momente und Aktionen, mit denen ich für mehr Frieden einstehen kann. Ich kann mich gegen Waffenexporte aussprechen. Ich kann mich gegen Unterdrückung in meinem eigenen Umfeld aussprechen. Ich kann dafür kämpfen, dass jene Konzerne zur Verantwortung gezogen werden, die andere Menschen ausbeuten. Ich kann für Frieden beten – im stillen Kämmerchen und in aktiven Handlungen.     
Im Rückblick auf das nun bald vergangene Jahre sehe ich all jene Momente, in denen ich dies nicht alleine getan habe. Jene Momente, in denen wir als Methodist/innen oder Christ/innen gemeinsam für Frieden eingestanden sind. Dies gibt mir Hoffnung und neue Kraft.
Dies also ist mein Wunsch und mein Gebet für die Weihnachtszeit:
Auf dass es Frieden werde auf Erden –
und auf dass wir Teil davon sind.

 

Sarah Bach

Shalom – alle Menschen sind willkommen

(Bild: kalhh, pixabay.com)

…und auf Erden Frieden
Die Flüchtlingswelle hatte 2015 auch Interlaken erreicht. In fast jedem Dorf wurden in aller Eile Übergangsheime eröffnet. Es kamen Menschen, die aus Syrien, Eritrea und anderen Staaten vor Krieg, Elend und Gewalt geflohen waren. Sie kamen auf der Suche nach dem Frieden bis zu uns.


Frieden für alle?
Unübersehbar in fremden Kleidern und mit einer Sprache, die hier niemand kannte, weckten sie Misstrauen. Die Aufklärung der Bevölkerung fand viel zu spät statt, und Angst formte Widerstand. Es war offensichtlich: Im Gegensatz zu zahlenden Tourist/innen war das neue Fremde in der breiten Öffentlichkeit (ver)störend.

 

…bei den Menschen, an denen er Wohlgefallen hat.
Nicht nur in der EMK entstand eine leise, aber wirkungsvolle Gegenbewegung. Ein wöchentlicher Flüchtlingstreff entstand, als Projekt von einer kleinen Gruppe geführt, aber von der ganzen Gemeinde getragen. Das Ziel: Diesen heimatlosen Flüchtlingen eine helfende Hand entgegen strecken.


Treffpunkt Shalom
Sie kamen einzeln oder als Familien mit vielen Kindern. Sie kamen mit Kopftuch oder verschleiert. Sie kamen mit vielen Fragen und Anliegen. Sie kamen für wenige Wochen oder auch länger. Sie kamen und belohnten unseren Einsatz mit einem Lächeln und ihrer Dankbarkeit.


Ehre sei Gott in der Höhe
Viele sind weitergezogen. Wer bleiben durfte, kommt weiterhin. Mittlerweile helfen sie mit im Treff und unterstützen sich gegenseitig. Eine Familie wohnt in der Kirche und leistet Sigristendienst. Aus Fremden sind Freunde geworden. Für mich hat sich hier ein Stück Himmel aufgetan. Ein Blick auf den ewigen Shalom, wo alle Menschen willkommen sind und sich in Liebe die Hände reichen.

 

Lea Hafner

Jeden Moment Hoffnung

(Bild: rawpixel.com)

Das Jahr geht mit grossen Schritten dem Ende zu. Wenn wir am 1.1.2019 um Mitternacht das neue Jahr anfangen, können wir sagen: Im Jahr 2018 haben wir 365 Tage oder 8'760 Stunden oder 525'600 Minuten oder 3'153'600 Sekunden gelebt. Was haben wir alles erlebt? Wie viel Schwieriges, wie viel Hoffnungsvolles war in diesen Stunden, Minuten, Sekunden? Wie viel Veränderung mussten wir bewusst einleiten oder ertragen? Der folgende Text, der den Wert von jedem Moment auf den Punkt bringt, begleitet mich regelmässig:


Um den Wert einer Woche zu verstehen,
    frage den Chefredakteur einer Wochenzeitung.
Um den Wert eines Tages zu verstehen,
    frage den Tagelöhner, der seine 5 Kinder durchbringen muss.
Um den Wert einer Stunde zu verstehen,
    frage Verliebte, die auf ihr Rendezvous warten.
Um den Wert einer Minute zu verstehen,
    frage eine Person, die ihren Zug verpasst hat.
Um den Wert einer Sekunde zu verstehen,
    frage eine Person, die gerade einen Unfall überlebt hat.
Um den Wert einer Millisekunde zu verstehen,
    frage einen Sportler, der bei den Olympischen Spielen nur die Silbermedaille gewonnen hat.
(Verf. unbekannt)


Als Mensch, der mit Christus unterwegs ist, darf ich jeden Moment Hoffnung haben. Das bedeutet (leider) nicht, dass immer alles gut gehen wird. Schwieriges wird meinen Weg kreuzen. Doch ich will mich weigern, daran zu verzweifeln.
Weil mein Leben auf dem Vertrauen aufbaut, dass sich Gott in Jesus Christus den Menschen gezeigt und zugewandt hat, will ich 2019 jeden Tag, ja jede Minute und Sekunde auf der Grundlage dieser Hoffnung leben: Es gibt keine hoffnungslosen Menschen – weil Gott jeden liebt! Es gibt keine hoffnungslose Situation – weil Gott sie schon kennt und bei mir ist. Mein Reden, mein Handeln, meine Fürbitte wird Ausdruck davon sein. Ich bin gespannt, was sich gerade dadurch an Chancen ereignen wird.

 

Stefan Pfister

Nein sagen und Ja sagen

(Bild designed by Makyzz, Freepik.com)

An Weihnachten wurde Jesus in einen kümmerlichen Stall geboren. Als reiche Schweizer/innen können wir diese Situation der jungen Familie nur schwer nachvollziehen. Wir haben das Privileg, in einem immensen Reichtum zu leben. Doch müssen wir uns für solche Privilegien schämen? Ich sage: Nein! Es gibt jedoch nur einen einzigen legitimen Gebrauch dieser Privilegien: Die Ungleichheit in der Welt bekämpfen. In der Bibel lesen wir, wie Jesus der Ungleichheit die Stirn bot, indem er eine Ehebrecherin vor der Steinigung rettete, Randständige heilte und sich von einer Prostituierten salben liess. Die kleine Spende der armen Witwe beeindruckte Jesus mehr als die inszenierte Gaben der Schwerreichen.
In der heutigen Zeit können wir Ungleichheit auf zwei Arten bekämpfen.
Erstens: Nein sagen. Das heisst: Als Weisser gegen Rassismus einzustehen und als Mann gegen Frauenfeindlichkeit. Das heisst: Sich als heterosexueller Mensch gegen Homophobie und als Christ/in in der Schweiz gegen Islamfeindlichkeit auszusprechen.
Zweitens: Ja sagen. Das bedeutet: Den Menschen auf Augenhöhe begegnen und ihnen Mut zusprechen. Verschiedenheit akzeptieren und begrüssen. Dabei sollte unerheblich sein, woher das Gegenüber kommt, woran es glaubt, welches Geschlecht oder welche sexuelle Orientierung es hat.
Sagen wir also entschieden Nein zu Ungleichheit und begegnen wir den Menschen um uns mit einem liebevollen und beherzten Ja – denn Gott hat uns zuerst geliebt.

 

Daniel Bleiker

Friede, der Wurzeln schlägt

(Bild: kellepics, pixabay.com)

Etwas Gewaltiges, Grossartiges ist vor etwa 2000 Jahren auf der Erde passiert, das seine Strahlkraft und Auswirkungen bis in unsere heutige Zeit besitzt. Die Heerscharen von Engeln freuten sich über dieses umfassende Ereignis, dass die Welt verändert hat und weiter verändern wird.
Es geht um Jesus Christus, Friedefürst, Retter und Heilsbringer für die ganze Menschheit. Der Friede bei den Menschen seines Wohlgefallens, den die Engel bejubeln, steht untrennbar mit dem Messias zusammen. Ganz ohne Lametta, Einkaufsrausch und Weihnachtsbaumkugeln trat er in unsere Wirklichkeit, damit für uns Menschen der göttliche Friede Wirklichkeit werden kann. Dieser Friede hat eine völlig andere Wirkkraft als keinen Krieg zu führen. Dieser Shalom Gottes zu den Menschen ist viel tiefer, stärker und gewaltiger als alles, was bisher dagewesen ist. Gott reicht den Menschen die Hand, tritt in versöhnende und liebende Beziehung zu ihnen ein, damit dieser gottgeschenkte Friede starke, lebensverändernde Wurzeln schlagen kann. Dieser göttliche Friede heilt unsere innere Zerrissenheit und befreit uns zum Frieden mit dem Nächsten und der Welt. Ja, ich darf mit den Engeln Gott loben und preisen, ihm die Ehre geben und diesen geschenkten Frieden – Shalom – in alle Lebensbereiche ausleben. Dieser Friede überwindet Grenzen wie Hass, Verbitterung und Unversöhnlichkeit, weil  durch die Geburt Jesu das wahre Leben ganz deutlich sichtbar wird. Jesus Christus unser Friede!

 

Bernfried Schnell

Meine Hoffnung?

(Bild: rawpixel.com)

Ich stelle mir vor, wie ich mich von einer Klippe zum Meer hinunterstürze. Flügel tragen mich und ich vergesse alles was war. Es gibt nur mich und Gott. Ich fliege über alles hinweg. Ich bin unerreichbar, unverletzlich. Aus dem tiefsten Inneren bin ich glücklich, einfach so. Leichtigkeit hebt mich. Freiheit umgibt mich. Wie lange kann ich noch so fliegen, bis mich die Realität einholt? Oder ist Hoffnung Realität?
Hoffnung ist, wenn Kämpfen keine Kraft kostet, wenn Wege weiterführen, als man denkt, wenn Träume trotz Tränen wachsen und das Unmögliche so einfach und greifbar ist. Diese Hoffnung, die Jesus in mir weckt, ist einfach da. Diese Hoffnung führt mich hinaus in die Welt. Diese Hoffnung lässt mich Risiken eingehen, diese Hoffnung lässt mich meine routinierten Pfade verlassen, diese Hoffnung lässt mich hinhören. Diese Hoffnung lässt mich eine totwirkende Fliege aus dem Wasser retten und ihre Flügel aufrichten. Diese Hoffnung gibt niemals auf. Jesus gibt mich niemals auf. Mein Herz singt, meine Seele lacht, weil Jesus über allem steht und mein Leben schützt. Wovor sollte ich mich fürchten? Welche Berge könnte ich nicht erklimmen und in welchen Tiefen fände ich kein Licht? … Und wenn Jesus nicht auf die Erde gekommen wäre?
Durch Jesus kann ich gelassen und in tiefem Vertrauen in eine ungewisse Zukunft treten. Durch Christus kommt der Mut, durch Christus kommt die Hoffnung, dass die Welt verändert wird. Durch dich und mich.

 

Anita Streit

Wie Hoffnung wächst

(Bild: designed by Brgfx, Freepik.com)

Vor langer Zeit habe ich einen Mann begleitet, der psychisch und körperlich schwer versehrt war. Ihm zu helfen war schwierig, weil er allein wusste, was ihm gut tat. Alles andere lehnte er ab. Nicht selten hat er mich um Geld angefragt, und ich habe ihm immer wieder gegeben. «Alles kommt zurück», pflegte er zu sagen, und ich wusste: Das sind Spenden à fond perdu. Eines Tages kommt er, gibt mir seine Bankkarte und sagt: «Nimm, was ich dir schulde.» Ich war mir sicher, dass er einen schlechten Witz mit mir gemacht hatte. Aber auf dem Konto war Geld, ich hob ab und beglich seine Schulden. Und in mir wuchs die Hoffnung, dass eines Tages wirklich alles wieder gut sein wird.
Vor nicht so langer Zeit sah ich einen jungen Burschen, wie er mitten auf der Strasse seine Petflasche zu Boden warf, und ich dachte mir: So eine Schweinerei. Dann trat er auf die Flasche, machte sie platt, las sie auf und warf sie in den nächsten Mülleimer. Ich schämte mich für mein voreiliges Urteil und spürte, wie die Hoffnung in mir wuchs.
Gerade erst kürzlich wurden zwei Menschen, die ich schon länger kenne und begleite, aus der psychiatrischen Klinik entlassen. Es geht ihnen besser, obwohl sie viel Leid ertragen mussten und abschliessen wollten. Jetzt haben sie die Freude am Leben wieder gefunden. Und in mir wächst und wächst die Hoffnung.
Jesus als Bankkarte, Jesus als Petflasche, Jesus als Patient. So wächst Hoffnung.

 

Christoph Schluep

Leichter Nebel umgibt mich...

(Bild: M.Breiter)

Es ist kalt. Ich stehe mitten auf einem Kiesboden, der durchmischt ist mit Backsteinbrocken. Um mich herum eine gespenstische Silhouette. Am Horizont hinter Nebelschwaden sehe ich vage Bäume, Wald. Von meinem Standpunkt verlaufen in die vier Himmelsrichtungen breite Wege. Jeder Weg ist gesäumt mit einem Zaun.

Stacheldraht-Zaun.

 

Der Zahn der Zeit nagt an den gespannten Stacheldrähten. An den Betonpfosten sind kleine Stücke abgeplatzt. Die Löcher sind vom Regen ausgewaschen. Dahinter ragen etliche Backsteinkamine gegen den Himmel. Die «Hüllen» dazu fehlen grösstenteils. Es sind viele.

So viele – zu viele!

 

Langsam mache ich mich auf zwischen die, damals zu Baracken umfunktionierten, Holz-Pferdeställe. Eine von vielen Absurditäten im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, die ich während der Erinnerungsfahrt der EMK Deutschland und Schweiz feststelle. Es will mir nicht gelingen, mir vorzustellen, wie viele Menschen hier an diesem Ort Leid, Entwürdigung, Verlust und Tod erlebt haben.

Wo war Gott? Wo blieb die Hoffnung?

 

Im Austausch erkennen wir, dass Jesus wohl einen vergleichbaren Leidensweg beschritten hat. Dadurch ermöglichte er das Leben. Leben das stärker ist als der Tod.

Beim Lagertor posieren Jugendliche mit der Israel-Flagge auf den Geleisen für Erinnerungsfotos. Manche haben Tränen der Trauer in den Augen, andere lachen.

Ein Lachen des Lebens. Ein Hoffnungszeichen, dass das Leben stärker ist als der Tod!

 

Michael Breiter

Ein Familienbetrieb baut auf Wolle

(Bild: zVg)

 

Die Zeiten, in denen man mit der Produktion von Wolle Geld verdiente, sind in der Schweiz lange vorbei. Dennoch ist die Spycher-Handwerk AG auf Basis des natürlichen Rohstoffs ein blühendes Unternehmen, das nicht nur drei Generationen der Familie Grädel ernährt, sondern in Huttwil auch 15 Angestellte beschäftigt. Auf der Spur einer guten Idee, die sich ständig weiterentwickelt.

 

Wäre Johann Ulrich Grädel ein Angestellter, so würde er dieses Jahr pensioniert. Als Gründer der Firma Spycher-Handwerk im Emmental liegen die Dinge für ihn anders. Er denkt nicht daran, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Zwar ist die Übertragung der Firma auf die Kinder vollzogen, doch die Übergabe der Gebäude dauere noch einige Zeit, sagt der Patron beim Gang durch das Unternehmen. Vom Bistro zur Wäscherei, weiter zur Kamelweide und auf die Wiese, wo sechs mongolische Jurten im Sommerhalbjahr Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen bieten, geht die Tour. Sie endet in den beiden Läden – moderne, luftige Hallen, die manches Lebensmittelgeschäft in Wohnquartieren im Grössenvergleich wie eine Schuhschachtel aussehen lassen. Vom Webstuhl über biologische Farbstoffe bis zum Duvet ist hier alles erhältlich, was einen Bezug zu Wolle hat.


Seltene Rassen erhalten
«Grundsätzlich sind wir eine Schaukarderei. Wir machen Führungen und geben Kurse zum Spinnen, Filzen, Färben, Handkardieren usw.», sagt Johann Ulrich Grädel. «Kardieren» heisst der Prozess, bei dem Wolle nach dem Scheren parallel ausgerichtet und für die Weiterverarbeitung vorbereitet wird. Eine Arbeit, die auf einer hundertjährigen Maschine geschieht. Rund 30 Tonnen Schweizer Wolle verarbeitet der Betrieb jährlich. Dabei stammt nur ein Bruchteil von den eigenen 100 Schafen, Ziegen, Lamas und Kamelen. Ein Teil dieser Tiere, wie auch die Hühner, die der Hof zur Selbstversorgung hält, sind Tiere von Pro Specie Rara-Rassen.
Hätten Schafhalter nicht die Möglichkeit die Wolle in Huttwil abzuliefern, so würde der grösste Teil davon heutzutage verbrannt. Gegen eine Gebühr haben Tierbesitzer die Möglichkeit die eigene Wolle gebrauchsfertig zurückzuerhalten. Die hauseigene Wäscherei sorgt dafür, dass die Vliese getrennt bleiben und nichts durcheinander gerät. Die ganze restliche Wolle geht zum Waschen nach Belgien, seit eine Grosswäscherei in der Nähe geschlossen wurde.


Gesamte 2. Generation im Betrieb
Johann Ulrich Grädel lebt seit der Geburt auf dem Hof am Rand von Huttwil. Seine Enkel, die mit ihren Eltern in separaten Wohnungen ebenfalls auf dem Hof leben, stellen hier bereits die neunte Generation dieses Namens. Alle vier Kinder von Johann Ulrich und Annekäthi Grädel arbeiten im Betrieb. «Ich habe keinem der Kinder gesagt, dass es kommen muss», sagt der Patron schmunzelnd. «Sie wollen alle mitarbeiten.» Seit dem Start des Unternehmens um 1980 herum ist dieses so gross geworden, dass es Spezialisierungen benötigt: Landwirtschaft, Verkauf, Küche und Bistro, Erwachsenenbildung und Hotellerie, dazu Personalführung und Büro, um nur einige Sparten zu nennen.
Ein gemeinsames Zmorge mit Teamsitzung pro Woche dient der Regelung aller betrieblichen und familiären Fragen. Ausserdem beginnen die Familienmitglieder die Arbeit eine halbe Stunde vor den Angestellten. Dass der grösste Teil der Belegschaft, Familie und Mitarbeitende, sich zum Mittagessen im Bistro versammeln, hat sich im Lauf der Jahre aus praktischen Gründen ergeben; ausser am Sonntag, dem einzigen Wochentag, an dem die Läden geschlossen sind. Grädels besuchen dann den Heilsarmee-Gottesdienst, ebenso wie einige Angestellte. Glaube ist im Spycher-Handwerk Privatsache. Dennoch ist Johann Ulrich Grädel überzeugt, dass das Glaubensfundament für das Gelingen im Unternehmen von grosser Bedeutung ist.


Internationale Zusammenarbeit
«Was ich auf dem Hof nicht vorgefunden habe, um glücklich zu sein, habe ich geschaffen», sagt Johann Ulrich Grädel. Im Rückblick würde er an seinem Leben nur eines ändern: Er würde das Welschlandjahr mit einem Aufenthalt in Neuseeland ergänzen, um Englisch zu lernen, so wie es seine Kinder getan haben. Dann könnte er mit seiner texanischen Schwiegertochter in deren Muttersprache reden. Und er könnte sich mit den Businesspartnern in Norwegen und Neuseeland besser verständigen. Von «down under» bezieht Spycher-Handwerk zum Beispiel moderne Spinnräder mit zwei Pedalen. Das sei gegenüber dem herkömmlichen Ein-Pedal-Antrieb einfacher und gesünder.
Gibt es nie Streit im engen Zusammenleben? Der Patron schüttelt den Kopf. Er muss nicht überlegen. «Streit führt nicht zum Ziel. Diskussionen haben wir natürlich, um neue Geschäftszweige, darum, was wir wo einkaufen und was wir selber machen. Wir finden immer eine gemeinsame Basis.» Dabei hat der Firmengründer festgestellt, dass seine Innovationskraft, seine Ideen und seine Neugierde für neue Technologien im Alter ebenso gross sind wie in der Jugend. «Da werde ich von den Jungen zwischendurch gebremst.»

 

Mehr Infos

Alles zum Spycher-Handwerk auf der Webseite des Betriebs.

 

Die Zahlstelle – der Film

Der Kurzfilm zur Zahlstelle ist da. Die Bildergeschichte veranschaulicht das Sparen mit dem Kontosortiment der Zahlstelle. Entlang der Filmszenen haben wir das ganze Jahr hindurch die verschiedenen Alter und Stationen im Leben angeschaut. Vom Kleinkind bis zur Oma bietet die Zahlstelle die geeignete Sparlösung und Anregungen dafür, was es heisst miteinander Zukunft zu gestalten. Zum Abschluss der Serie schauen wir hinter die Kulissen eines Familienunternehmens, das alle Generationen verbindet.
Hier finden Sie den Film.

 

Daniela Deck

Einheit erreichen – auch auf Umwegen

(Bild: EMK Schweiz)

Einen Berggipfel zu Fuss zu erreichen, ist mit Anstrengung verbunden. Sind noch dazu die Markierungen weg, oder man bewegt sich in Terrain, das nicht oft begangen wurde, kann es sein, dass man nur über Umwege zum Gipfel findet.


Am 18. Dezember wird der Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK an einer ausserordentlichen Abgeordnetenversammlung darüber befinden, ob er sich eine neue Verfassung geben und damit auf nationaler Ebene zu einer Kirchengemeinschaft werden will. Die Chancen stehen gut, dass das gelingen wird.


Ohne Moderator weiter
Der Weg bis dahin war vergleichbar mit einer Bergroute mit vielen nicht markierten Wegabschnitten und Stellen, an denen ein Absturz drohte. Zwei entscheidende Momente will ich herausgreifen:
An der Abgeordnetenversammlung vor einigen Jahren war ein zusätzlicher Tag für Gespräche über die neue Verfassung eingeplant. Dazu wurde ein erfahrener externer Moderator eingeladen, der den Gesprächsprozess leiten sollte. Bereits nach dessen Einführungsreferat gab es einen Eklat: Auf Antrag einiger Mitgliedskirchen wurde der Berater heim geschickt. Die Abgeordnetenversammlung machte sich ohne seine Hilfe ans Werk.


Einheit geht vor
Im Juni 2018, während der zweiten Lesung, drohte ein Teil der Kirchen damit, aus dem Prozess auszusteigen, wenn eine neue Formulierung in der Präambel, die gerade erst angenommen worden war, so stehen bleibe. Die Versammlung musste unterbrochen werden. Während einer guten halben Stunde wurde mit den Kontrahent/innen ein Weg zur Einheit gesucht. Der führte dann über einen Widererwägungsantrag und zu einer einstimmigen Genehmigung der Originalversion der Präambel. Alle waren sich bewusst geworden, dass sie die angestrebte Einheit nicht durch Partikularinteressen gefährden wollten.


Vom Ziel her denken
Weshalb schreibe ich das? Die Erfahrungen ermutigen dazu, in Krisen danach zu fragen, ob das Ziel es lohnt dran zu bleiben oder nicht. Jede Krise half dem SEK und seinen Mitgliedskirchen, Differenzen zu diskutieren, gemeinsam Wege zu suchen, zugunsten der Einheit eigene Anliegen zurückzustecken. Die Verfassung, die jetzt vorliegt, ist ein starkes Zeugnis dafür, was im Blick auf die Einheit der Kirchen möglich ist.
Ich wünsche der EMK, dass ihr das in Zukunft auch gelingen kann. Mit Gottes Hilfe.

 

Claudia Haslebacher

United Methodist Church