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"Ohne Nahrung kann kein Kind, ohne persönliches Gebet keine Seele wachsen."

John Wesley (1703 - 1791)

«Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret»*

(Bild: Jacques Callot, via Wikimedia Commons)

* Andreas Gryphius, Threnen des Vaterlandes

 

Mit der Unterzeichnung der zwischen Mai und Oktober geschlossenen Friedensverträge in Osnabrück am 24. Oktober 1648 trat der «Westfälische Friede» in Kraft, mit dem der «Dreissigjährige Krieg» im «Heiligen Römischen Reich» beendet wurde. Lange gültige Grundlagen für staatliche Konflikte wurden darin festgeschrieben – und die Unabhängigkeit der Schweiz de facto anerkannt.


Gemeinhin gilt der «Prager Fenstersturz» als Beginn des «Dreissigjährigen Krieges»: Eine Gruppe von Protestanten verschaffte sich am 23. Mai 1618 Zugang zur Böhmischen Hofkanzlei in der Prager Burg. Die Eindringlinge verurteilten die drei katholischen königlichen Statthaltern in einem Schauprozess und warfen sie 17 Meter hinab in den Burggraben. Der katholische Kaiser Matthias in Wien wertete die Aktion als Kriegserklärung der protestantischen Böhmen. Hintergrund für diesen Aufstand war, dass die «Böhmischen Brüder», eine durch die Reformation geprägte Bevölkerungsgruppe, zwar zahlenmässig die Mehrheit der Bevölkerung Böhmens stellte, rechtlich jedoch durch die katholischen Herrscher stark eingeschränkt waren. Ist der «Dreissigjährige Krieg» also ein klassischer Religionskrieg?


Machtfragen
Gegen die heraufziehenden kaiserlichen Heere appellierten die böhmischen Protestanten an die Solidarität anderer protestantischer «Stände» und hofften auf deren Unterstützung. Doch aus Kursachsen, von Anfang an Träger der Reformation, hiess es, dass es hierbei nicht um Glaubensfragen, sondern um einen politischen Aufstand gehe. Ist der Glaube im «Dreissigjährigen Krieg» also nur ein Deckmäntelchen für eine machtpolitische Neuordnung Europas?

 

Teilkriege
Oder ist schon die Vorstellung vom «Dreissigjährigen Krieg» falsch? Handelt es sich nicht eigentlich um eine Vielzahl von Einzelkonflikten mit wechselnden Bündnispartnern?
In den böhmisch-pfälzischen Krieg von 1618-23, ausgelöst durch den «Prager Fenstersturz», waren auf protestantischer Seite die Aufständischen in Böhmen involviert und Friedrich V. von der Pfalz. Nach anfänglichen Erfolgen wurden beide Parteien durch die «katholische Liga» besiegt.
Bis 1625 dehnen verschiedene kleinere Auseinandersetzungen in Hessen und Westfalen die Kriegsschauplätze weiter aus. 1625 tritt König Christian IV. von Dänemark auf protestantischer Seite in den Krieg ein, was den Beginn des niedersächsisch-dänischen Krieges markiert, der 1629 erneut mit der Niederlage der protestantischen Seite endet. Der katholische Kaiser Ferdinand II. erliess das «Restitutionsedikt». Dieses sah vor, dass alle geistlichen Besitztümer, die seit dem «Augsburger Religionsfrieden» von 1555 durch die Protestanten enteignet worden waren, wieder zurück gegeben werden müssten. Darum trat Gustav Adolf, König des protestantischen Schweden, in den Krieg ein.
Im Schwedischen Krieg von 1630-1635 waren die schwedischen Truppen zunächst sehr erfolgreich, erlitten dann aber 1634 bei Nördlingen eine schwere Niederlage. 1635 schlossen nahezu alle protestantischen Stände mit dem Kaiser ein Friedensabkommen und verbündeten sich mit diesem gegen die «Feinde des Reiches», also gegen das katholische Frankreich und das protestantische Schweden, die ihrerseits eine Allianz eingingen.
Der Schwedisch-französische Krieg von 1635-1648 endete mit dem «Westfälischen Frieden». Schweden erhielt darin die Kontrolle über die südlichen und östlichen Küstenregionen und die Ostsee, die elsässischen Gebiete gingen an Frankreich. Die Eidgenossenschaft wurde als vom «Heiligen römischen Reich» unabhängig anerkannt, ebenso die Niederlande. Die römisch-katholische, lutherische und reformierte Konfession wurden einander völlig gleichgestellt.


Triebfedern
Ein einziger Krieg oder mehrere? Glaubenskrieg oder Machtgerangel? – Spätestens seit 1635 sind die konfessionellen Unterschiede klar sekundär. Andererseits spiegelt sich in Predigten und Flugblätter der Zeit sehr stark eine religiöse Prägung: Auf evangelischer und katholischer Seite wurde ein «gerechter Krieg» beschworen, demgegenüber Neutralität gedeutet wurde als Ungehorsam gegen den Ruf Gottes. Auf evangelischer Seite erhoffte man sich durch die Besiegung des «päpstlichen Antichristen» nach der grossen Krise des Krieges den Beginn des «1000-jährigen Reiches» (vgl. Offb. 20). Der schwedische König Gustav Adolf wurde mit biblischen Glaubenshelden wie Josua, Gideon, David, Josia oder auch den Makkabäern in eine Reihe gestellt. Niederlagen, Hungersnot und Seuchen wurden als Strafe Gottes und Ruf zur Busse verstanden. Der Glaube befeuerte auf beiden Seiten den Konflikt und führte dem mörderischen Treiben immer neue Energie zu.
Zugleich ist deutlich, dass verschiedene Interessengruppen diese Dynamik für sich nutzten: Neben den katholischen und evangelischen Ständen im «Heiligen Römischen Reich deutscher Nation» waren Spanien, die Niederlande, Frankreich, England, Polen, Dänemark und Schweden in den Krieg involviert. Sie verfolgten mehr oder weniger offen ihre politischen Interessen. Durch diese unterschiedlichen Akteure verlagerten sich die Kriegsschauplätze mehrmals, mit teils separaten Friedensschlüssen. Schon früh jedoch wurde die gesamte Periode als ein einziges zusammenhängendes Ereignis wahrgenommen.


Auswirkungen
Zwischen 5-8 Millionen Menschen verloren in diesem Krieg ihr Leben. Das waren rund 20% der Bevölkerung. Die Kampfhandlungen waren eine Todesursache. Mehr Menschen starben wegen Seuchen, die sich durch die Fluchtbewegungen rasch auf grosse Gebiete ausdehnten, und Hungersnöten, weil das Land «verheert» war. (Das Wort ist in dieser Zeit mit dieser Bedeutung entstanden.) Der westfälische Friede schuf Regelungen für staatliche Konflikte, die bis zur Haager Landkriegsordnung 1899 wirksam waren.

 

 

Sigmar Friedrich

Der Krieg als mediales Ereignis

(Bilder: Jacques Callot, via Wikimedia Commons)

Die tiefen Spuren, die der «Dreissigjährige Krieg» im Bewusstsein der Zeitgenossen und weit darüber hinaus hinterlassen hat, hängen damit zusammen, dass und wie dieser Krieg in den Medien und so gegebenen neuen Möglichkeiten begleitet wurde:

  • «Flugblätter» dienten der Information. Oft waren sie auch Mittel von Spott oder Polemik, suchten zu mobilisieren. Nicht selten waren die Texte in Versform geschrieben, damit sie sich leichter einprägen.
  • Zahlreiche bildliche Darstellungen von Kriegsereignissen vermittelten sehr plastische (teils polemische) Eindrücke der Geschehnisse.
  • Ausserdem erschienen erste «Periodika», also regelmässig, zum Beispiel wöchentlich erscheinende Publikationen, die fortlaufend über die aktuellen Ereignisse informierten.

Das trug mit dazu bei, dass der Krieg als einheitliches Ganzes wahrgenommen wurde: Die «Periodika» vermittelten den Eindruck eines zusammenhängenden, immer weiter laufenden Geschehens.

Die damals «neuen Medien» und ihre Möglichkeiten entwickelten ein ungeheures Potenzial, das keineswegs immer zum Guten genutzt wurde. Umgang mit und Einordnung der neuen Informationsfülle musste erst noch «gelernt» werden.

Der Westfälische Friede

In einem mehrjährigen Prozess, der noch während des weiterlaufenden Krieges begann, fanden sich in Münster und Osnabrück Vertreter der Kriegsparteien zu Verhandlungen zusammen. Der Prozess und die Ergebnisse waren (für lange Zeit) modellhaft:

  • Weit über 100 Beteiligte trafen sich über einen langen Zeitraum immer wieder. Dabei wurden einzelne Konfliktpunkte mit den je betroffenen Parteien gesondert verhandelt, um so den Weg für eine gesamthafte Einigung zu ebnen.
  • Das auf diese Weise erreichte Vertragswerk schuf die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben der Konfessionen: Die römisch-katholische, lutherische und protestantische Konfession wurde gleichermassen anerkannt (nicht aber die «Täufer»!), ihr Miteinander auf Reichsebene geregelt.
  • Die Staaten wurden als souverän agierende, gleichberechtigte Partner ernst genommen. Es entstand erstmals eine Ordnung souveräner Staaten – wobei deren Souveränität zugleich eingeschränkt wurde: Externe Garantiemächte (Frankreich und Schweden) achteten auf die Einhaltung der Beschlüsse. Reichsgerichte wurden eingesetzt und «Reichsexekutionen» konnten bei einzelnen Staaten Verpflichtungen notfalls mit militärischer Gewalt durchsetzen.
  • Unangetastet und (bewusst) unentschieden blieb die Wahrheitsfrage. Werte- und Wahrheitsanspruch der Konfessionen sollten keine Kriegsgründe mehr sein.

Mit dem «Westfälischen Frieden» wurde ein Modell für die Lösung «internationaler» und regionaler Konflikte entwickelt, bei dem die Konfliktpartner einander auf Augenhöhe begegnen. Die Kriegsgründe wurden «rationalisiert», Wege für Verhandlungslösungen initiiert. Bis ins beginnende 20. Jahrhundert war dieses Modell tragfähig. Aktuell erleben wir vielerorts dessen Unterwanderung und Aushöhlung.

Strukturanalogien?

In einem fast 1000 Seiten starken Buch zeichnet der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler den Verlauf des «Dreissigjährigen Krieges» nach. Für ihn ist dieser Krieg eine «Analysefolie» für aktuelle kriegerische Konflikte, die – anders als die nationalstaatlichen Kriege des 18. und 19. Jahrhunderts – wieder durch eine ähnliche Unübersichtlichkeit von Akteuren, Kriegsfronten, Koalitionen und Einflussmächten bestimmt sind. Bereits 2016 hat der damalige Aussenminister der BRD, Frank Walter Steinmeier, die Analogie mit den Konflikten im Nahen und Mittleren Osten so beschrieben:

«Eine scheinbar begrenzte Aufstandsbewegung gegen den Herrscher löst eine Kaskade von Konflikten aus. Aufstrebende und etablierte Regionalmächte nutzen die Lage: Sie kämpfen um die Hegemonie, getrieben gleichermaßen von Machtstreben wie von Angst vor Einkreisung oder Unterlegenheit. Staatsführungen schwanken, ob sie Sicherheit besser durch territoriale Gewinne oder durch (kollektive) Vereinbarungen herstellen könnten. Externe Mächte schüren religiöse Konflikte, um sie für ihre Interessen zu nutzen. Kleinere Territorialfürsten nutzen den Windschatten übergeordneter Konflikte, um ihre Autonomie zu vergrößern.»

Die Analysen zeigen, dass die aktuellen Konflikte Muster der Kriegsführung wiederbeleben, die durch den «Westfälischen Frieden» unterbunden werden sollten – und für lange Zeit recht wirksam unterbunden wurden. Und dass und wie Macht- und Glaubensfragen dabei eine unheilvolle Allianz eingehen.

 

Herfried Münkler, Der Dreißigjährige Krieg: Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648, Berlin 62017, 976 Seiten

Franz-Walter Steinmeier: online

Hoffnungsträgerin in einer lange dauernden Krise

(Bild: zVg)

Stabil sei im Kongo nur die Krise wird oft moniert. In der Tat ist die politische, wirtschaftliche und Sicher­heits­lage zurzeit so zerbrechlich wie schon seit langem nicht mehr. Die Kirche gilt als eine der wenigen Hoffnungsträgerinnen.


Die Demokratische Republik Kongo, das nach dem gleichnamigen Strom mit einer Länge von 4700 Kilometern der zweitlängste Fluss des Kontinents benannte Land ist mit 2.3 Millionen km2 der viertgrösste Staat Afrikas. 1960 wurde der Kongo nach 52 Jahren belgischer Kolonialverwaltung unab­hängig, war jedoch nicht darauf vorbereitet. Es fehlte eine von Belgien bewusst klein gehaltene politische und fachlich kompetente Elite für einen solchen Schritt.


Permanente Ausbeutung
In der Wirren des Kalten Krieges wurde der erste Premierminister Lubumba von der CIA und Belgien umgebracht. Die nachfolgende Instabilität ebnete den Weg für eine Periode grausamer Diktatur durch Mobutu (1965 – 1997). Nach seinem Sturz übernahm Laurent Desiree Kabila die Macht, wurde 2001 von einem Leibwächter getötet und durch seinen Sohn, den jetzigen Präsi­denten Joseph Kabila ersetzt. Auch sein Regime ist durch Bürgerkriege, eine zerfallende Infrastruktur fort­gesetzte Misswirtschaft und Repression geprägt. Das Land verfügt über bedeutende Reserven an Rohstoffen wie Kobalt (zur Herstellung von Elektrobatterien), Kupfer und Koltan und könnte aufgrund der grossen Nachfrage eines der reichsten Länder Afrikas sein. Doch schätzungsweise zwei Drittel der Einnahmen für den Staat landen auf Schwarzgeldkonten einer kleinen Elite.

 

Ungerechtigkeit verursacht Konflikte
Die regelmässigen Gewaltausbrüche im Osten des Landes und seit letztem Jahr auch im Zentrum des Kongo in den Kasai-Provinzen sind Merkmale dieses Übels, der seit der Unabhängigkeit dauernden politischen Krise und krimineller Machenschaften des Regimes und bewaffneter Gruppen. Die meisten Menschen misstrauen dem Staat und seinen Sicherheitskräften wegen der Unfähigkeit ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Diese In­stabilität und die aufflammenden Konfliktherde führen auch zu einer humanitären Notlage. Nach Schätzun­gen sind mehr als zwei Millionen Vertriebene im eigenen Land auf der Flucht. Nun soll Ende Jahr ein neuer Präsident und die Parlamente neu gewählt werden. Grösste Zweifel an einem fairen Wahlgang sind jedoch angebracht. Es gärt in der Bevölkerung, die seit 20 Jahren keinen Frieden und kaum wirtschaftlichen Auf­schwung erlebt. Weit verbreitete Armut und Hunger sind die Folgen. Im Index für menschliche Entwicklung der UNO belegt der Kongo den 176 Platz von 189 Ländern.

 

Hoffnungsträgerin Kirche
Die Gemeinden der Methodistenkirche sind in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen, umfassen rund 3 Millionen Mitglieder und bilden zusammen mit anderen Religionsgemeinschaften oftmals den einzigen Lichtblick im Alltag in der Misere. Rund 90% der geschätzten 90 Millionen Einwohner sind Christ/innen. Die Kirchen spielen auch im Friedensprozess eine wichtige Rolle. Da die staatlichen Strukturen schwach oder in abgele­genen Gebieten gar nicht präsent sind, ist die Kirche oft die einzige Institution, die landesweit vertreten ist. Selbst in den entferntesten Ansiedlungen steht eine Kirche, aus Stein gebaut oder aus Lehm und Strohdächern. Nahezu überall gibt es Priester und Pastoren, die zu den Menschen sprechen, auch zu den Milizen. Und die religiösen Institutionen betreiben Schulen, Universitäten und Spitäler.

 

Ausdauernd für den Frieden
Connexio unterstützt dir Methodistenkirche in Projekten für nachhaltige Entwicklung, Gesundheitsdienste, Ernährungspro­jekte für Kinder und Nothilfe. Seit kurzem engagiert sich Connexio im Ost-Kongo in Aktivitäten zur Verbesserung der Sicherheit der Bevölkerung. Christliche Frauengruppen treten mit Liedern und Kurztheater auf, um über die Frauen ver­feindeter Gruppierungen für ein friedliches Zusammenleben und zur Verhinderung häuslicher Gewalt zu kämpfen. In einem anderen Projekt werden Vertriebene über ihre Rechte zur Rückgewinnung enteigneter Häuser aufgeklärt. Solche Vorhaben stellen an ein kleines Hilfswerk erhöhte Herausforderungen, denn Programme in der Friedensförderung brauchen viel Ausdauer, um die erhoffte Verhaltensänderung zu erzielen. Langfristige Partnerschaften mit Kirchen, wie sie Connexio lebt, bieten beste Voraussetzungen um einen Beitrag zur Verhaltensänderungen zu leisten. Dennoch stehen momentan eher mittel­fristige Engagements mit einer inhaltlichen Beschränkung im Vordergrund, etwa mit der Thematik «Mit Frauen ist Frieden möglich in den Kivu Provinzen» (Ost Kongo), um Erfahrungen in einer hoch anspruchsvollen Thematik zu sammeln.

 

Jean-Paul Dietrich

 

Zur Person

Jean-Paul Dietrich ist für Connexio als Landeskoordinator in der Demokratische Republik Kongo tätig.

Ihre Unterstützung zählt

Connexio unterstützt in der DR Kongo verschiedene Projekte im Bildungs- und Gesundheitsbereich. Ihre Spende kann helfen, dass Methodist/innen im Kongo Schritte hin zum Frieden unterstützen können.
EMK in der Schweiz, Connexio, Zürich
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Einladung zu einem fröhlichen Geschäft

(Bild: Ashwin Vaswani, unsplash.com)

Mit seinem im April 2018 veröffentlichten Schreiben «Gaudete et Exsultate» ruft Papst Franziskus dazu auf, im Alltag mehr Heiligkeit zu leben. Bischof Patrick Streiff hat das Buch «mit methodistischen Augen» gelesen.

Mit Freude und Interesse habe ich das Schreiben von Papst Franziskus «Freut euch und jubelt» (Gaudete et Exsultate, abgekürzt GE) mit dem Untertitel «über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute» gelesen. Heiligkeit oder Heiligung sind keine Worte der Alltagssprache. Selbst in Predigten in der Kirche kommen sie nur noch selten vor. Doch der Papst nimmt mutig dieses wichtige biblische Thema auf, das auch für Wesley und die frühen Methodisten zentral war. Schön und eindrücklich wird der Ruf zur Heiligkeit von Papst Franziskus als ein fröhliches Tun beschrieben – auch darin verwandt mit Wesley. «Hab keine Angst vor der Heiligkeit. Sie wird dir nichts an Kraft, Leben oder Freude nehmen. Ganz im Gegenteil, denn du wirst dabei zu dem Menschen werden, an den der Vater dachte, als er dich erschaffen hat, und wirst deinem eigenen Wesen treu bleiben.» (GE 32)

 

Biblisch

Noch weitere positive Beobachtungen aus evangelischer Sicht: Das Schreiben nimmt eine Vielzahl biblischer Stellen auf, um zu entfalten, was mit dem Ruf zur Heiligkeit gemeint ist. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Neuen Testament. Mit vielen Evangelientexten wird auf den Ruf des Meisters, Jesus, zu einem neuen und anderen Leben hingewiesen, um am Reich Gottes mit zu gestalten (GE 25). So unterschiedlich die Menschen sind, so verschieden kann diese Zeugenschaft gelebt werden (GE 11). Der Papst warnt davor, ein Modell von Heiligkeit kopieren zu wollen. Aufschlussreich ist, welchen Text Papst Franziskus wählt, um die verschiedenen Aspekte der Heiligkeit zu verdeutlichen: die Seligpreisungen. Denn «(i)n ihnen zeichnet sich das Antlitz des Meisters ab; wir sind gerufen, es im Alltag unseres Lebens durchscheinen zu lassen.» (GE 63) – auch darin verwandt mit Wesleys Predigten zur Bergpredigt, wo ebenfalls die Seligpreisungen den Grund legen für die Heiligkeit des Herzens und des Lebens (vgl. z.B. John Wesley, Predigt 24 über die Schönheit der Heiligung).

 

Weltlich?
Die Bezüge zur Welt von heute sind nicht besonders ausgeprägt und beschränken sich auf recht allgemeine Aussagen oder kurze Einzelbeispiele. Doch es wird deutlich, wie gerade die Seligpreisungen sich «deutlich gegen den Strom der Gewohnheit, gegen das, was man in der Gesellschaft so tut» (GE 65) richten. Zwei längere Abschnitte, in denen klare Abgrenzungen vollzogen werden, haben mehr mit innerkirchlichen Strömungen zu tun. Doch auch hier blickt der Papst auf die positive Konstante: «Gott sei Dank wurde im Laufe der Geschichte der Kirche sehr deutlich, dass die Vollkommenheit der Menschen an ihrer Nächstenliebe gemessen wird, nicht an der Fülle erworbener Daten und Kenntnisse.» (GE 37) «Ich möchte daran erinnern, dass in der Kirche unterschiedliche Arten und Weisen der Interpretation vieler Aspekte der Lehre und des christlichen Lebens berechtigterweise koexistieren, die in ihrer Vielfalt ‚helfen, den äusserst reichen Schatz des Wortes besser deutlich zu machen‘.» (GE 43)

 

Selbstkritisch
Insgesamt betont Papst Franziskus in seinem Schreiben, dass das Leben «Mission» ist, also Sendung und aktives Gestalten des Lebens mit und für andere (GE 19). Das bringt «eine gesunde, bleibende Unruhe mit sich» (GE 99). Dabei ist die Barmherzigkeit der zentrale Begriff, um den seine Gedanken immer wieder kreisen (z.B. GE 105). Den Ruf zur Vollkommenheit im Matthäusevangelium interpretiert er deshalb folgerichtig mit dem Paralleltext aus dem Lukasevangelium, ‚barmherzig zu sein, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist‘ (GE 81). Das führt den Papst auch zu (selbst-)kritischen Aussagen über die eigene Kirche (z.B. GE 73).

 

Akzentuiert
Sein Schreiben über die Heiligkeit reiht sich ein in frühere Schreiben, auf die der Papst da und dort Bezug nimmt (GE 28), ebenso wie auf Äusserungen seiner Vorgänger, um die Kontinuität mit ihnen zu betonen. Gleichwohl wird deutlich, dass er mit seinen Beispielen zu gelebter Barmherzigkeit, die Würde und Wert jedes Menschen aufleuchten lässt, den Schwerpunkt und Akzent erfrischend neu und evangelisch setzt.
Mit seiner regelmässigen Bezugnahme auf Christus (z.B. GE 20, GE 151) und seiner expliziten Äusserungen zur grundlegenden Bedeutung der Rechtfertigungslehre (GE 52-56) betont er Gemeinsamkeiten mit den evangelischen Kirchen. «Fürchte dich nicht davor, höhere Ziele anzustreben, dich von Gott lieben und befreien zu lassen. Fürchte dich nicht davor, dich vom Heiligen Geist führen zu lassen. Die Heiligkeit macht dich nicht weniger menschlich, denn sie ist die Begegnung deiner Schwäche mit der Kraft der Gnade.» (GE 34)

 

Anspornend
Natürlich gibt es im Schreiben des Papstes auch spezifisch römisch-katholische Aussagen, die man aus evangelischer Sicht nicht in gleicher Weise machen würde. Doch zugleich tun die Verweise auf die kirchliche Dimension und auf die Gemeinschaft all derer, die uns im Glauben voran gegangen sind, einer allzu oft individualistischen Sicht im Protestantismus gut. Aus evangelisch-methodistischer Sicht wäre es ein Gewinn, wenn ein solches Schreiben in unserer eigenen Kirche zum Ansporn würde, die traditionelle Betonung der Heiligung wieder neu in den Blick zu nehmen und in die eigene Lebenspraxis umzusetzen. Der wesleyanische Dreischritt, die Liebe Gottes im Herzen zu erfahren, um dann Gott von ganzem Herzen zu lieben, und seine Nächsten wie sich selbst zu lieben, trifft sich in vielen wesentlichen Aussagen mit dem Schreiben des Papstes, ebenso wie die Zusammengehörigkeit von persönlicher und sozialer Heiligung. Biblische Texte, die bei Wesley aber stärker gewichtet werden, sind z.B. die Frucht des Geistes (Gal. 6) als Unterscheidungsmerkmal wahrer Heiligkeit und, im Gefolge der johanneischen Briefe, die Betonung der Liebe als Kern und Ziel der Heiligung.

 

Bildhaft
Das Schreiben des Papstes enthält schöne Bilder, um das Wesentliche der Heiligkeit auszudrücken, so z.B.: «Inmitten des Dickichts von Geboten und Vorschriften schlägt Jesus eine Bresche, die uns erlaubt, zwei Gesichter zu erkennen, das des Vaters und das des Bruders. Er überreicht uns nicht zwei weitere Formeln oder Gebote. Er gibt uns zwei Angesichter oder besser ein einziges, das Angesicht Gottes, das sich in vielen widerspiegelt. Denn in jedem Bruder oder in jeder Schwester, besonders in dem oder der kleinsten, gebrechlichsten, wehrlosesten und bedürftigsten, ist das Bild Gottes selbst gegenwärtig.» (GE 61) Deshalb geht es zutiefst um die Wiederentdeckung der biblischen Verheissung, aus Gnade durch den Glauben verändert zu werden nach dem Bild Christi. Dann kann im Einzelnen und in der Gemeinschaft die Gegenwart Gottes aufleuchten. Das ist und bleibt ein fröhliches Geschäft und macht das Leben lebenswert für alle, die Christus nachfolgen.


Bischof Dr. Patrick Streiff

 

Das Schreiben des Papstes

… ist online verfügbar
… oder als Buch: Papst Franziskus, Freut euch und jubelt, ISBN 978-3-8436-1103-9

«Papa, ich will hier bleiben!»

(Bild: zVg)

 

Es ist Samstag, kurz vor 11 Uhr. Der Zeltmission-Lieferwagen hält bei der Lok am alten Bahnhof. Nach einer ersten Absprache beginnt das Ausladen der Materialen, gefolgt mit dem Aufbau. Diesmal wurde in Laichingen, dem Hauptquartier der EMK Zeltmission, die mobile Kirche mit Sitzsack-Lounge verladen.

Die mobile Kirche, aufblasbar wie eine Hüpfburg, soll ein Ort der Stille während des Allianz-Jugendtags sein. Die EMK Pfullingen hat dazu die Hüpfburg aufgeboten. Um in der Kirche nicht den Lärm von den anderen Aktivitäten zu haben, wird die begehbare Kirche etwas abseits platziert. Wie sich später zeigt, prägt die wohl kleinstverpackte Kirche während der Veranstaltung dennoch deren öffentliche Wahrnehmung markant mit. Nach wenigen Minuten ist die Kirche bezugsbereit. Für den Jugendtag wird die Kirche mit einer pinkfarbenen Sitzsack-Lounge und einem Bistrotisch mit Stühlen ausgestattet, dazu ein kleiner Abendmahltisch mit Bibeln zum Mitnehmen.

 

Pommes, Jugger und Gott
Bereits vor dem offiziellen Start, schauen erste neugierige Passant/innen vorbei, Grosse und Kleine. Ein Teil der Besucher/innen bleibt länger. Sie geniessen die Stille oder suchen das Gespräch. Andere gehen weiter nach einem: «Ich wollte nur sehen ob dies wirklich eine Kirche ist». Die Hauptattraktion sind für die Kinder und Jugendlichen die Pommes, das Mannschaftsspiel Jugger und das Bungee-Trampolin.

 

… und steht uns Gott zur Seite
Der Jugendtag kommt bei den vorbeilaufenden jüngeren Menschen an. Nach und nach ergeben sich Begegnungen mit Menschen die keinen Bezug zur Kirche und zu Gott haben. Mit einem riesigen Lachen im Gesicht sagt die 4-jährige Stefania in der mobilen Kirchen: «Papa, ich will hier bleiben! – Hier ist es so schön.» Der 14-jährige Tizian reagiert auf die Einladung zum späteren Gottesdienst schroff: «Brauch ich nicht!» – Der einjährige kirchliche Unterricht habe ihm mehr als gereicht und die Lust auf Kirche und Gott genommen. Vorerst geniesst er dennoch die Gemeinschaft der Christ/innen.
Um 18 Uhr beginnt der Open-Air Gottesdienst, aktuelle Lobpreislieder laden die Anwesenden ein dazu zu kommen. Auch Tizian sitzt unter den Jugendlichen. Die Faszination war wohl doch stärker als die Abneigung. Daneben kann weiterhin auf dem Bungee-Trampolin gesprungen werden. Und so springt nach längerem Anstehen eine junge Muslima, und daneben ertönt von der Lobpreisband: «… und steht uns Gott zur Seite. Wer kann da widerstehen. …»

 

Passende Werkzeuge
Dass die Zeltmission «Zum Segen werden möchte!» ist seit Beginn unverändert. Die äusserliche Art und Weise dagegen, verändert sich immer wieder. «Aktuell nehmen eintägige Einsätze zu», meint Hans-Martin Kienle. «Die Zeltmission hat dafür verschiedene ‹Werkzeuge› u.a. die mobile Kirche. Daneben die stabilen Faltzelte, bei denen der Aufbau innert weniger Minuten erfolgt», sagt der Leiter der EMK Zeltmission.
Nach dem Gottesdienst in Pfullingen kann gemütlich vor der mobilen Kirche Schlangenbrot über dem Feuer gebacken werden. Anschliessend beginnt der Abbau. Die Luft ist bei der mobilen Kirche schnell raus. Schon bald ist der Lieferwagen auf dem Heimweg, und die Materialien werden bereit gemacht für den nächsten Einsatz irgendwo in Europa.

 

Michael Breiter

 

 

Jetzt planen!

Zum Segen werden möchte die Zeltmission auch mit ihrer Gemeinde. Jetzt im Spätherbst ist der ideale Zeitpunkt, um die nächstjährige Veranstaltung anzudenken und die «Werkzeuge» zu buchen.
Für Einsätze erbittet die Zeltmission einen Betrag zur Aufwandsentschädigung. Mangelnde Finanzen sollen keinen Einsatz verhindern. Ein Spenderkreis trägt die vielfältige Arbeit der in Laichingen stationierten Zeltmission mit.
Bankverbindung: EMK Zeltmission, IBAN: DE50 6309 1300 0008 5700 00

 

Der Zeltmission an EMK-Events begegnen

NEXT – 8.-10. Februar
Beruf oder Berufung, sinnvoll oder sinnentleert, laufen lassen oder mitgestalten? Der Berufungskongress NEXT 2019 ist offen für junge Menschen ab 16 Jahren, die suchen, finden und aufbrechen wollen. www.next-emk.de

Camp4 + five – Auffahrt
Das Camp4 für Teens, das Camp five für Jugendliche und junge Erwachsene, finden in verschiedenen Locations statt. Die Plenums, das Essen und einzelne andere Programmpunkte erleben die Teilnehmenden zusammen. Vier unvergessliche Tage! www.emk-camps.ch

Mudmates – 21. September
Mudmates ist ein Hindernislauf für «Matschfreunde», der nicht nur die Ausdauer sowie die körperliche und mentale Stärke testet, sondern der vor allem den Teamgeist im Fokus hat. Es geht nicht darum, den Parcours schnell zu bewältigen, sondern um Zusammenhalt, Power, Teamspirit und Fairness. Mudmates soll kein Wettkampf sein, sondern eine Challenge, bei der jeder gewinnt! www.mudmates.de

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