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Freude

"Glaube ist Liebe, Frieden und Freude im Heiligen Geist. Er ist die fröhlichste und heiterste Sache der Welt. Er ist völlig unvereinbar mit Griesgrämigkeit, Missmut, Hartherzigkeit und allem, was nicht der Sanftmut, Güte und Freundlichkeit Jesu entspricht."

John Wesley (1703 - 1791)

Tief graben – und die Blickrichtung ändern

(Bild: zVg)

Auch in diesem Jahr hat Myriam Streiff die Grafik zur Jahreslosung gestaltet. einige Beobachtungen und Entdeckungen, die Grafik und Bibeltext vertieft verstehen helfen.

 

 

Zuerst fällt die Verwendung der Farben auf: Schwarz und Weiss dominieren Grafik und Text. Wenige Farben verstecken sich in der Mitte: ein dunkles Blau, dann Grün und schliesslich ein goldenes Gelb. Die Grafik verstärkt diesen Eindruck, indem man als Betrachter ein Eindruck hat, die Hände würden im Wurzelstock eines Baumes oder eines Gebüsches graben und einen Schatz finden.


Blick in die Tiefe
Die Hände sind nicht im Gestus von Abwehr, Verteidigung oder Umklammerung dargestellt. Sie öffnen einen Durchblick, einen Zugang und halten ihn offen. Man könnte überlegen: Was würde geschehen, wenn die Hände das Wurzelwerk loslassen und nach der gefalteten Taube in der Mitte greifen? Würde sich der Zugang schliessen und die Taube wieder verbergen, ehe sie ergriffen werden könnte? Oder käme etwas von der goldenen Mitte und der Taube an die Oberfläche, wenn die Hände den Zugang offen halten? Oder bleibt die Taube immer, wo sie ist – in der Tiefe verborgen? – Verändert es mich, wenn ich die Taube gesehen habe? Lasse ich mich verändern von dem, was ich gesehen habe? Wenn ja: wie?


Friede als Aufgabe
In der Mitte ist eine Taube sichtbar, eine Taube aus Papier gefaltet. Origami heisst die japanische Papierfalttechnik. Nur Papier? Japanisch? Nichts Lebendiges? Papier ist doch leicht brennbar. Vergänglich. Verletzlich. Und japanisch ist fremd!
Bei «gefaltetem Papier» denke ich daran, wieviel menschlicher Geist und was für geschickte Hände eines Menschen da am Werk waren! Schon nur das Medium Papier ist menschliches Werk. Wieviel mehr dann noch die gefaltete Figur!
Friede – und dafür steht die Taube ja – Friede geht nicht ohne uns. Wir sind gefragt. Gott traut uns zu, Gott hält uns für geschickt dafür, Gott erwartet von uns, dass wir Frieden schaffen. Mindestens so weit, wie unsere Kräfte und Möglichkeiten reichen.
Denn Friede ist für uns Menschen nichts Fremdes, auch wenn er im Fall der Grafik etwas japanisch aussieht. Das macht Friede ja gerade aus, dass eine gute Beziehung zu dem geschaffen wird, was auf den ersten Blick fremd aussieht, fremd erscheint.
Allerdings – und das zeigt die Grafik auch – Friede liegt nicht einfach so an der Oberfläche. An der Oberfläche liegen Vorurteile, Abwehr, Ängste. Darum graben die Hände in die Tiefe nach dem Frieden.


Leserichtung ändern
In die Tiefe graben - das kommt mir auch in den Sinne, wenn ich sehe, wie die Worte «suche» und «Frieden» auf der Grafik geschrieben sind: man muss sie von oben nach unten lesen. Friede liegt nicht auf der Oberfläche. Man muss tiefer schürfen, um in einer Beziehung zur Qualität von Frieden zu gelangen.
Und noch etwas ist mir bei der Gestaltung der Wörter aufgefallen. Man muss die Leserichtung ändern. Die Worte «suche» und «Frieden» sind von oben nach unten zu lesen. Die Worte «und jage ihm nach» wie gewohnt von links nach rechts. Das könnte uns daran erinnern, dass wir die Blickrichtung manchmal ändern sollten, wenn wir Schritte zum Frieden tun wollen. Frieden kommt vielleicht eben nicht in Sicht, wenn wir immer in die gewohnte Richtung blicken oder denken. Wir selber müssen unsere Denk- und Sichtweise ändern, wenn wir Frieden suchen oder ihm nachjagen.

 

Felix Wilhelm-Bantel

 

Gott bewegt zum Guten: Der Kontext der Jahreslosung

Auffällig am hebräischen Text des Psalms 34 ist die alphabethische Reihenfolge der Buchstaben am Anfang der Verse 2-22. – Ausgangpunkt des Psalms ist eine konkrete Erfahrung von Befreiung, Erlösung, Rettung aus schwierigen Lebenslagen. Ps 34 spricht die Gemeinde an. Der Sprechende teilt seine Erfahrungen in Form von Bekenntnis und Belehrung mit den Hörenden/Lesenden. Er lädt sie ein, ihre eigenen Erfahrungen in diesem Licht zu betrachten und den Psalm auch selber nachzusprechen.
Ab Vers 12 bedient sich der Psalm der Sprache eines Lehrers der Weisheit. Er will seine Zuhörer belehren. Es geht um die Frage: Wie kann ich glücklich leben?
Die Antwort des Psalms: Glücklich lebt, wer sich an Gott hält, nach seinem Willen fragt und auch dementsprechend handelt. Wer so lebt, gehört zu den Gerechten. Sie erfahren die heilvolle Gegenwart Gottes – ganz besonders in schwierigen Zeiten.
Darauf gehen die Verse 19-21 näher ein, Die Gerechten sind nicht Strahlemänner und Strahlefrauen: «Zahlreich sind die Leiden der Gerechten.» (v.20). Sie kommen jedoch dank der heilvollen Gegenwart Gottes «ungebrochen» durch Krisen und Leiden hindurch und auch aus ihnen hinaus (v.21). Gottes Nähe ist niemals etwas Statisches, etwas metaphysisch über dem Menschen Ruhendes, sondern Bewegung, die von Gott ausgeht. Er bewegt Dinge auf Erden und im Leben der Menschen zum Guten.

Kirchenkampf: Mit dem Bibelwort gegen nationalsozialistische Parolen

(Bild: wikimedia.org, Bundesarchiv, Bild 101I-00011, Kropf, CC-BY-SA 3.0)

Die «Jahreslosung» – «geübten Kirchgänger/innen» vertraut, allen anderen wenig bis gar nicht bekannt – war ursprünglich ein hochpolitisches Produkt des kirchlichen Widerstandes gegen nationalsozialistische Parolen in Deutschland.

 

Im November 2018 jährte sich der Todestag des evangelischen Theologen Otto Riethmüller (26.2.1889-19.11.1938) zum 80. Mal. Der Pfarrer und Liederdichter gab 1930 zum ersten Mal eine Jahreslosung heraus. Als Vorsitzender des «Verbands der evangelischen weiblichen Jugend (Burckhardthaus)» ging es ihm darum, unter den jungen Menschen die tägliche Bibellese zu fördern. Die evangelischen Jugendverbände in Deutschland vereinheitlichten dazu ihre Bibellesepläne. Riethmüller gab dem noch mehr Struktur, indem er diesen Plänen eine Jahreslosung, jeweils ein Monatsthema und ein Monatslied zuordnete.


Auf dem Weg zum Widerstand
Die erste Jahreslosung für 1930 lautete: «Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht.» Das vertraut anmutende Wort aus Röm 1,16 hatte im damaligen Kontext politische Sprengkraft. Riethmüller stellte den verführerischen Parolen der Nationalsozialisten ein Bibelwort entgegen, an dem sich die jungen Menschen ausrichten könnten.
Anfangs sympathisierte Riethmüller wie viele evangelikale Theologen selbst mit den Nationalsozialisten, durchschaute deren Rassenideologie jedoch früh und distanzierte sich. Er engagierte sich in der Bekennenden Kirche, deren Reichsjugendarbeit er ab 1935 präsidierte. Zudem gehörte er zu den ersten, die eine Protesterklärung gegen die Einführung des «Arierparagraphen» in der Kirche unterzeichneten. Diese Bestimmung sah vor, dass nur noch «Arier» als Mitglieder in der Kirche zugelassen werden. In der von ihm geleiteten Bibelschule versteckte Riethmüller jüdische Frauen und Mädchen.


«Heimtükischer Angriff»
Nach 1933 wurden die Monatssprüche jeweils auf grosse gelbe Plakate gedruckt und öffentlich aufgehängt. Im Kirchenkampf gewannen diese Plakate grosse Bedeutung. Die Reichsregierung verbot 1935 schlussendlich deren Erscheinen unter Berufung auf das «Gesetz zur Abwehr heimtückischer Angriffe gegen Partei und Staat». Der unter anderem von Riethmüller erarbeitete vereinheitlichte Bibelleseplan wurde 1938 auch von der Bischöflichen Methodistenkirche in Deutschland übernommen.


Liederdichter
Ihre Brisanz haben die Jahreslosungen längst eingebüsst. Aus dem Hilfsmittel zu einer klaren Ausrichtung angesichts der politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen ist eine Form der beschaulichen Erbauung für Insider geworden. Länger lebendig wirksam waren einige Lieder, die der Liederdichter Otto Riethmüller getextet hat. Zu ihnen gehört etwa das Lied: «Herr, wir stehen Hand in Hand» oder der Gebetsruf «Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit».

 

Sigmar Friedrich

 

Weiterführende Information

Im Internet finden verschiedene weiterführende Informationen...
zu Otto Riethmüller bei evangelisch.de und bei wikipedia
zur Geschichte der Jahreslosungen und Monatssprüche

«Ich bin mir bewusst…»

(Bild: geralt, pixabay.com)

Wenn wir von Bewusstsein sprechen, dann ist mehr gemeint, als wach sein und nicht schlafen. Wir haben die eigentümliche und wunderbare Fähigkeit, uns selbst bewusst wahrzunehmen. Das ist nicht selbstverständlich. Als Kinder mussten wir das lernen. Erst mit etwa zwei Jahren waren wir in der Lage, unser Bild im Spiegel zu erkennen und «Ich» zu sagen. Dies scheint uns Menschen von den Tieren zu unterscheiden.


Der Ökumenische Arbeitskreis «Glaube und Wissenschaft» hat sich an mehreren Treffen mit dem Phänomen «Bewusstsein» auseinandergesetzt, denn dieses Thema beschäftigt sowohl Natur- als auch Geisteswissenschaftler. Auf der einen Seite hat die Hirnforschung in den letzten Jahren interessante Entdeckungen gemacht. Andererseits haben sich Philosoph/innen und Theolog/innen zu Wort gemeldet, denn der Begriff «Bewusstsein» überschneidet sich mit Begriffen wie «Geist» und «Seele».


Ein komplexes System
Dr. Hansjürg Geiger führte aus biologischer Sicht ins Thema ein. Er erläuterte Entwicklung, Aufbau und Funktionsweise des Gehirns. Wie dieses zentrale Nervensystem funktioniert, versteht man heute immer besser. In Bruchteilen von Sekunden werden unzählige chemische und elektrische Impulse übertragen, verarbeitet oder gespeichert. Beim menschlichen Gehirn handelt es sich um ein System von etwa 90 Milliarden Nervenzellen, von denen jede einzelne Tausende Verbindungen zu anderen Zellen hat – das komplexeste System, das wir im gesamten Kosmos kennen. Doch auch höher entwickelte Tiere wie Schimpansen, Delfine, sowie einige Vögel kommen uns bei der Hirnleistung beachtlich nahe. Einige von ihnen haben ebenfalls ein Ich-Bewusstsein und erkennen sich selbst im Spiegel.


Gedanken lesen?
Mit bildgebenden Verfahren kann sichtbar gemacht werden, welche Hirnregionen bei bestimmten Tätigkeiten oder Empfindungen besonders aktiv sind. Vom  «Gedanken lesen» sind die Wissenschaftler allerdings noch weit entfernt. Und was Bewusstsein ist, kann die Naturwissenschaft mit ihren Kategorien nach wie vor nicht erklären.

Daraus lässt sich allerdings nicht schliessen, dass unser Bewusstsein oder das, was wir «Geist» oder «Seele» nennen, unabhängig von den materiellen Vorgängen im Gehirn existiert. Verletzungen des Gehirns durch Unfälle, Blutungen oder einen Hirnschlag haben nicht selten Auswirkungen auf das Ich-Bewusstsein einer Person. Persönlichkeitsänderungen können auftreten oder – in seltenen Fällen – dass ein Körperteil nicht mehr als das eigene erlebt wird. Der Hirnforscher Gerhard Roth hat im Gehirn acht unterschiedliche «Ichs» lokalisiert.


«Es» und «Ich»
Sehr hilfreich waren bei den Treffen des Arbeitskreises zu diesem Thema die Beiträge von Prof. Dr. Christina Aus der Au. Die Theologin und Philosophin aus Frauenfeld hat sich in ihrem Buch «Das theologische Menschenbild und seine Herausforderung durch die Neurowissenschaften» intensiv mit den Fragen um das Bewusstsein beschäftigt. Sie wies unter anderem darauf hin, dass hier die unterschiedlichen Perspektiven von Naturwissenschaft und Glaube besonders deutlich werden: Da ist auf der einen Seite die naturwissenschaftliche Beobachter-Perspektive: Wir betrachten und untersuchen das Gehirn von aussen. Man kann das auch grammatisch als die «Dritte Person» bezeichnen: «er», «sie» oder «es» empfindet etwas. Daneben gibt es aber auch die Innenperspektive – das eigene Erleben der Person, die ein Gehirn hat. Das ist die «Erste Person»: «ich» empfinde etwas. Dieses subjektive Empfinden ist von ausserhalb nicht wirklich zugänglich. Zum Beispiel lässt sich naturwissenschaftlich nicht beschreiben, wie genau ein Mensch Schmerz oder Liebe erlebt. Auch ob jemand eine Farbe genau auf dieselbe Weise wahrnimmt wie eine andere Person, lässt sich nicht sagen. In der Philosophie spricht man hier von den «Qualia», dem subjektiven Erlebnisgehalt eines mentalen Zustandes.

Gott als «Du»
Auch der Glaube kann als eine Art von Qualia beschrieben werden. Er ist eine sehr persönliche Erfahrung und Entscheidung. Theolog/innen weisen aber zu Recht darauf hin, dass sich Religion im christlichen Verständnis nicht auf ein subjektives Empfinden reduzieren lässt. Zur ersten Person kommt auf jeden Fall noch die zweite: «du». Glaube ist immer auch ein Beziehungsgeschehen. Im Anschluss an den jüdischen Theologen und Philosophen Martin Buber lässt sich sagen: Gott ist das grosse «Ich», welches sich den Menschen als Gegenüber, als «Du» geschaffen hat. Und er möchte, dass der Mensch Gott als sein grosses «Du» wiederentdeckt.

Ein Gegenüber finden
Mit diesen Gedanken ist die Ebene der Naturwissenschaften, die auf die Ebene der dritten Person beschränkt bleibt, verlassen. Trotz unterschiedlicher Zugänge gibt es im Ökumenischen Arbeitskreis Glaube und Wissenschaft diesen Konsens: Der Mensch wird sich aus der Beobachterperspektive allein nicht vollständig verstehen können. Er ist immer auch Beteiligter und Angesprochener. Er erlebt sich selbst als ein einmaliges Wesen, das sein Gegenüber, sein «Du» sucht. Er findet es im anderen Menschen, manchmal in einem Tier – und in Gott.

 

Stefan Weller

 

 

Ökumenischer Arbeitskreis

Den Ökumenischen Arbeitskreis «Glaube und Wissenschaft» gibt es bereits seit 1960. Zusammensetzung und Themenstellungen haben sich verändert, geblieben ist das Anliegen, Fachpersonen aus verschiedenen Wissensgebieten und Glaubensrichtungen ins Gespräch zu bringen. Naturwissenschaftler aus den Bereichen Physik, Biologie, Geologie u.a. arbeiten gemeinsam mit Geisteswissenschaftlern aus Philosophie, Theologie und Psychologie an denselben Fragen. Vier Kirchen sind vertreten. Seit 2011 leitet EMK-Pfarrer Stefan Weller den Arbeitskreis, der sich drei Mal jährlich trifft. Aktuell besteht der Arbeitskreis aus 13 Personen. Weitere Informationen finden sich auf der Webseite des Arbeitskreises.

United Methodist Church